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Interview mit Big A: „Das ist Unterschicht“

Big A ist „Das Maß der Dinge“: Mit seinen 2,10 Metern Körpergröße ist der Leipziger Battlerapper mit Straßenbackground eine Hausnummer für sich. Das unterstreicht er mit den Titel seines zweiten Albums, das sieben Jahre nach seinem ersten Soloprojekt erscheint. War das musikalische Umfeld damals noch breiter gefächert, arbeitet Big A heute fast ausschließlich mit seiner musikalischen Familie zusammen, die aus Omik K und Defekto besteht. Im Interview sprachen wir über das ereignisreiche letzte Jahr, das er gemeinsam mit Bühnenpartner Omik K erlebte. Außerdem drehte sich das Gespräch um perspektivlose Kids, vergangene Tage und um seine Wiederentdeckung von Rap aus Leipzig.

RAP CIRCUS: Zwischen deinem Solo-Debüt und deinem zweiten Album „D.M.D.D.“ sind sieben Jahre vergangen. Hattest du eine Pause von Rap eingelegt? Was war der entscheidende Punkt, dass du wieder ein Album aufgenommen hast?

Big A: Grundsätzlich waren das viele private Sachen. Mama ist gestorben, und das fickt unglaublich den Kopf. Ich habe immer ein bisschen Rap nebenbei gemacht, man hat mich ja immer auf den Releases von Omik K gehört. Einen richtigen Turn hatte ich aber nicht – ich habe es immer vor mir her geschoben, weil ich mit mir selbst zu tun hatte. So sind die Jahre verstrichen. Manchmal waren auch andere Sachen wichtiger, aber grundsätzlich war Rap immer ne Liebe: Ich habe es gefeiert und bin damit groß geworden. Der ausschlaggebende Punkt fürs Album war der, dass ich mit Omik auf der Eisenbahnstraße im Dürüm Haus saß und er meinte: „Digger du musst langsam mal wieder an den Start kommen – du kannst rappen, das weißt du selber, also bring endlich mal ein Album raus!“ Das habe ich mir zur Motivation genommen, und Ende 2014 habe ich dann wieder mit den ersten Songs angefangen. Im Sommer 2015 hatte ich mich dann langsam gefunden, was den Sound und die Beats angeht. Neben meiner Selbstständigkeit habe ich dann angefangen, das Album fertig zu machen. So ist es dann dazu gekommen, dass ich ein schönes Battle-Album abgeliefert habe.

Wenn Omik K dich dazu angestachelt hat, wieder ein Album zu machen – inwiefern hat er dich bei der Produktion unterstützt?

Big A: Wir unterstützen uns alle, wir sind ein richtiges Team. Omik K weiß auch, er brauch mir grundsätzlich nichts erklären, was Rap angeht. Aber er gibt mir schon Tipps, der Junge ist einfach ein Profi, ohne Frage. Der chillt in einer ganz anderen Liga. Deshalb nehme ich auch gern Tipps von ihm an.


Dein Album heißt „D.M.D.D.“, was für „Das Maß der Dinge“ steht. Du hast die Abkürzung schon öfters benutzt, den Titel dann der erst relativ spät bekannt gegeben. Hieß „D.M.D.D“ vorher mal etwas anderes?

Big A: Nein, es hieß grundsätzlich schon immer „Das Maß der Dinge“. Zum ersten Mal hast du das auf dem „Sangre Male“ Album von Omik K gehört. Auf dem „Asozial“-Song habe ich das verwendet: „Das Maß der Dinge rollt an und steht seinen Mann.“ Das war ein geiler Aufhänger, der mir immer wieder durch den Kopf gegangen ist. Das hat sich dann natürlich wunderbar angeboten mit der Körpergröße, die ich mitbringe. Ich bin ja nun mal etwas größer als der Rest da draußen. Dadurch, dass ich aus dem Battlerap komme und dass man sich im HipHop miteinander misst, war das eine super Assoziierung und hat halt gepasst.

Du hast mit „Unterschicht“ einen sehr eindringlichen Track auf dem Album, der eine Situationsbeschreibung vom Leben am sogenannten unteren Ende der Gesellschaft ist. Wie schätzt du die Möglichkeiten ein, in Deutschland aus dieser Unterschicht heraus aufzusteigen?

Big A: Der Song soll grundsätzlich zeigen: Das ist die Unterschicht. Man könnte auch einen separaten Song machen, um Auswege zu zeigen. Bei „Unterschicht“ geht es erstmal nur darum, was Fakt ist. Ich wollte eine Darstellung machen. Es ging dabei darum, was da ist – und das ist ja schon traurig genug. Es gibt viele Möglichkeiten, um da raus zu kommen. Du hast natürlich aktuell die ganze Flüchtlingspolitik… das schneidet sich aber, denn dann denken Deutsche auf einmal wieder, Nazis sein zu müssen oder feiern Patriotismus. Ich frage mich: Wo war euer Patriotismus vor zehn Jahren? Da war alles chillig. Dann kamen Sprüche wie „Naja wenn sie hier arbeiten, dann ist ja auch alles OK“, wo ich mir denke: Hey, das eine hebt das andere doch auf. Da müsste auf jeden Fall eine bessere Regelung her.

Für unsere Jugend ist nichts da. Schau dir mal die Jugendförderung an: Es bräuchte mehr Jugendhäuser und mehr Sportvereine, um die Leute von der Straße runter zu holen. Grundsätzlich ist es so: Wenn du zu lange auf der Straße chillst, dann wird dir irgendwann langweilig. Und wenn dir langweilig wird, willst du irgendwas machen, was dich unterhält. Für die Kids, die noch nicht weit denken können und noch nicht erwachsen sind, führt das halt auf kurz oder lang zum Scheiße bauen. Das endet dann im Drogensumpf oder im Knast. Wenn du als Staat daran nichts änderst und lieber Gesetze verabschiedest, mit denen Arm und Reich weiter auseinander rücken und die Mittelschicht verschwindet – dann darfst du dich darüber aber nicht aufregen.

Du bist ein sportliche Typ. Was hältst du vom Fitnessrap Trend der letzten Jahre?

Big A: Es ist ein Stück weit Amüsement muss man sagen. Ich schau mir das an, widme dem aber nicht so viel Zeit. Wenn ich mir die Zeit nehme und das bei einigen Künstlern sehe, dann ist das bei manchen ein echtes Business geworden. Die Rappen, machen nebenbei einen Trainingsplan, den sie für ein gewisses Entgelt veröffentlichen und arbeiten für irgendwelche Supplementfirmen für Eiweißprodukte. Ist jetzt nicht mein Ding, aber jeder soll so machen wie er es will. Ich meine, ich mache auch Sport und du hörst auch Zeilen von mir wie „Ich pump mich breit wie ein Tier.“ Das gehört dazu, das ist Testosteron. Wir sind Männer und da ist das einfach so. Und wenn du das machst und siehst, dass deine Arme dicker werden, dann feierst du das ja auch, weil du ein Resultat erzielt hast. Auf den Punkt gebracht: Rap bietet sich da an, das jedem unter die Nase zu reiben. (lacht) Aber dass es da einige Rapper gibt, die das ganze krass übertreiben mit Werbung in ihren Videos, dort noch ein Eiweißlöffel und dort ein Blog, das wäre nicht so mein Ding. Das muss halt jeder für sich selbst entscheiden.

Lass uns mal ein paar Jahre zurück gehen. Wenn man deinen Auftritt bei „Feuer über Deutschland 3“ anschaut — fällt neben deinem damals noch vollen Haupthaar — auf, dass schon damals die „Ahuuuu“-Rufe bei euch am Start waren.

Big A: Das „Ahuuuu“, was du mit der Musik von Omik K und uns heute verbindest, das ist etwas eigenes. Zur Zeit bei Feuer über Deutschland 3 war auch gerade der Film „300“ raus, wo das auch sehr präsent ist. Damals war ich gar nicht so der „Ahuuuu“-Typ, das waren auch nur die Jungs im Hintergrund. Grundsätzlich: Ich hatte damals noch gepflegtes Haupthaar, ja. (grinst) An dem Tag hatte ich nicht gepennt und war ziemlich fertig – wir waren als riesiges Team angereist und den Abend vorher feiern. Das war mit dem damaligen Snuffpro-Team, mit Morlockk Dilemma und Mike Fiction. Dilemma hatte mich damals gefragt, ob ich mitmachen will, weil noch ein Platz im Battle frei war. Dann wurde ein Gegner ausgelost und es war cool. Aber ich war auch echt froh, als es dann vorbei war – weil ich echt fertig war. (lacht)

Und das „Ahuuuu“ heute ist etwas eigenes, sagst du…

Big A: Ja. Schau mal was das für Wellen geschlagen hat, seitdem das „Puta Madre“ Video raus kam. Alter, das hat sich schnell weiterverbreitet, nicht nur in Leipzig sondern in ganz Deutschland. Das hat man richtig beobachten können. Ich will niemandem Vorwürfe machen, dass er sich das von uns genommen hat – oder besser gesagt von Omik, denn ich mach das nicht, das ist nicht mein Ding. Aber seit dem Song siehst du auch in der ganzen Deutschrap-Szene, dass es sehr oft verwendet wird. Das ist dort jetzt schon eine eigene Marke, das hat mit „300“ nix mehr zu tun. Wenn, dann hat es noch diese Mentalität von „300“ – wenig Leute zu sein, was darzustellen und als Team zu arbeiten. Der Eine ist für den Anderen da.

Zur Zeit von „Feuer über Deutschland 3“ ist in etwa auch dein erstes Album „Ich und sonst nichts“ entstanden, was dann 2009 raus kam, richtig?

Big A: Ja genau.

Was schießt dir so durch den Kopf, wenn du an die Zeit zurück denkst?

Big A: Trauer, viel Trauer. Meine Mama ist zu der Zeit gestorben. Ich glaube das hört man auch auf dem Album – jedenfalls die, die es noch haben. Es war eine kleine Auflage, selbst ich hab nicht mal noch eine CD davon, ich hab es nur als MP3 auf dem Rechner. Ich habe es vor einiger Zeit mal wieder gehört, um den Vergleich zu „D.M.D.D.“ zu ziehen. Es sind zwei völlig unterschiedliche Auren: „Ich und sonst nix“ ist stark aggressiv und bearbeitet Trauer, Abstürze, private Probleme, Kopffick. Trotzdem ist es technisch sehr sehr gut, muss ich sagen. Das feier ich immer noch. Ich war sehr gefickt zu der Zeit, sehr emotionslos. Ich war in meiner eigenen Trauer gefangen. Aber es bleibt ein gutes Album, es gehört halt zu dieser Zeit in meinem Werdegang.

Big A
Bild: RAP CIRCUS

Du hast dein Album bei Defekto im Studio aufgenommen, in dem neben Omik und dir auch andere Rapper Stammgäste sind. Ist es dabei schon zu Zusammenarbeiten gekommen, von denen wir noch nichts wissen?

Big A: Möglichkeiten bestehen da immer, man ist ja auch ein großes Team. Ich werde da jetzt aber nichts genaueres verraten, was da eventuell vielleicht sogar geplant ist. Die Möglichkeit besteht – Rob Moro ist ja auch dort, der bei vielen noch als Choleriker aus der NOK-Sache und bekannt ist, genauso wie von Alben von Morlockk Dilemma. Er arbeitet jetzt mehr als Sänger, da sollte man mit einem Auge hingucken. Maulheld ist auch am Start mit einem Album. Möglich ist immer alles, das sind super qualifizierte Leute und ich feiere zum Beispiel Maulheld wie Sau. Es ist ein cooles Team mit einem guten Spirit. Sag niemals nie!

Was bei Rob Moro geht, macht mich neugierig. Er war ja auch auf „D.M.D.D.“ und „Karma“ vertreten…

Big A: Man sollte den Mann auf jeden Fall im Auge behalten. Definitiv.

Wie erlebst du Rap aus Leipzig generell?

Big A: Ich habe durch den Skillz Award in Leipzig erstmal gesehen, wer in der Stadt so präsent ist. An sich habe ich mich mit der Szene gar nicht mehr so auseinandergesetzt – nicht wegen Antipathie oder so, sondern weil der Fokus wo anders lag. Bei Skillz habe ich jedenfalls gesehen, dass die Szene sehr sehr vielfältig ist. Es gibt richtig talentierte Jungs, das Stylus-Umfeld ist ganz kreativ so wie ich das sehe, er dreht auf jeden Fall auch sehr sehr coole Videos. Die Szene ist aktiv. Ich würde aber lügen, wenn ich sagen würde, ich kenne jedes Album von den Leipziger Rappern. Ich habe mir ein paar Sachen angehört und es ist schön zu sehen, dass in der Stadt was auf einer kreativer Basis passiert.

Omik K meinte 2016 in einem Interview, die einzigen Menschen in seinem Alltag — mit denen er das HipHop Ding teilt — wären du und DJ Defekt. Sieht das bei dir ähnlich aus?

Big A: Ja, wir sind eine Familie. Wir wollen uns nicht abkapseln oder so, aber wir fahren halt alle einen Film und kennen uns privat extrem gut. Das passt dann einfach gut zusammen. Das ist der Faktor.

Du hast vor etwa 18 Jahren zusammen mit DJ Saibz angefangen, Musik zu machen…

Big A: …puh… warte, das kommt sogar hin, Alter! Krass, wie alt bin ich denn bitte? (lacht)

Habt ihr noch Kontakt?

Big A: Ja auf jeden Fall, definitiv. Man sieht sich halt nicht mehr wie früher fünf Tagen die Woche. Er ist auch beruflich tätig und mittlerweile auch zweifacher Vater. Ich grüße an dieser Stelle seine Frau und seine Kinder! Super sympathisch, er hat alles richtig gemacht. Eigentlich stehe ich mit allen Jungs von damals noch in Kontakt, auch wenn das teilweise nur ein oder zweimal im Jahr ist. Es ist immer sehr positiv, wenn man sich spricht – es war eine geile Zeit und bleibt auch immer im Kopf und vor allem im Herzen. So habe ich HipHop kennengelernt, und das ist cool.

Du warst im letzten Jahr viel gemeinsam mit Omik K in Sachen Rap unterwegs. Was waren deine Highlights in dieser Zeit?

Big A: Das Highlight an sich war natürlich erstmal das „Karma“ Release von Omik. Die ganze Zeit drum herum war sehr geil, es war eine ordentliche Arbeit für alle beteiligten, vor allem für Omik und Defekto. Dann natürlich mein Album, da haben wir gleich hinterher gearbeitet. Es war eine sehr kreative Zeit, wir haben sehr sehr coole Auftritte gehabt. Der 1. Mai in Berlin ist immer groß. Dann waren wir bei ein paar Konzerten von der 187 Straßenbande… danke nochmal an die Jungs natürlich, dass wir da sein durften. Dann waren wir beim 187 Straßenbande Festival, was etwas einmaliges in Deutschland war, das noch niemand so geschafft hat: Als Rap-Act ein eigenes Festival auf die Beine zu stellen. Aber die Jungs haben es 2016 geschafft, denn die haben in dem Jahr einfach alles geschafft. (lacht) Das war eine mega Erfahrung, dort vor 7000 Leuten aufzutreten. Richtig krass. Das Drumherum hat mir mal wieder diesen HipHop Spirit gegeben: Es war wie eine Jam, bloß im 2.0-Modus, so auf Superlative. Es waren coole Acts und Dudes da, ich konnte zum Beispiel Azad kennenlernen, Legende einfach und ein sehr sympathischer Mensch. Wir waren viel mit Rap unterwegs und es sind viele gute Sachen passiert.

„D.M.D.D.“ von Big A ist digital unter anderem bei iTunes und Amazon erhältlich.

Cover & Tracklist

DMDD - Big A
Cover zu „DMDD“ von Big A


Tracklist

  1. Intro
  2. Du willst
  3. Geb einen F!#k (feat. Rob Moro)
  4. Seht es ein
  5. Auf alles (feat. Omik K)
  6. No Trust
  7. Unterschicht (feat. DJ D-Fekt)
  8. Mein Pfad
  9. Männersache
  10. DMDD
  11. Was willst du tun (feat. Rob Moro)
  12. Sylvestosteron (feat. Omik K)
  13. Bitte was
  14. Bin so bleib so

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