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INSIDE TRACKS #12: Sayes über „Nicht nur vielleicht“

Die Rubrik INSIDE TRACKS erzählt Entstehungsgeschichten und Hintergründe von Musik. In Episode #12 spricht Sayes über seine EP „Nicht nur vielleicht“.

Nicht nur vielleicht

„Nicht Nur vielleicht“ ist der Opener und textlich glaube ich auch der älteste Track auf der Platte. Ich habe mich darauf konzentriert, einen Reim durchzuziehen, daran habe ich neben dem Inhaltlichen gearbeitet. Da ich ein sehr großer Fan von Amewu und seinem Schaffen bin, bin ich auf Kenji451 gestoßen. Auf seiner Soundcloud-Seite bin ich über diesen Beat gestolpert, der schon existierte. Es ist der einzige Beat, der nicht exklusiv auf meiner Platte ist. Ich habe ihn jedenfalls angeschrieben, ob es denn cool für ihn wäre, wenn ich auf dem Beat rappen würde und ob er mir die ganzen Einzelspuren geben kann. Er ist ein unheimlich verpeilter, aber auch ein unheimlich herzlicher Mensch. Er war mit Zugezogen Maskulin auf Tour und meinte zu mir, ich soll zum Konzert kommen. Er hat mich schon mehrmals auf die Gästeliste gesetzt, aber trotzdem immer wieder vergessen wer ich bin, sodass ich mich mehrmals neu vorstellen musste. (lacht) Letztendlich hat er mir die Spuren dann zukommen lassen, worüber ich mich sehr freue, weil ich seinen Sound sehr mag. Für mich ist es das Intro, auf das noch viel mehr kommt.

Die Parts erzählen davon, wie ich als Freestyler, der ich eigentlich bin, jetzt mehr Texte schreibe und aufnehme. Als ich den „Nicht nur vielleicht“ fertig hatte, habe ich irgendwann bei DJ Skyline nachgefragt, ob er die Cutz machen will. Ich war dann bei ihm und meinte, vielleicht hast du ja etwas mit „Say Yes“, weil das ja zu mir passen würde. Er denkt dann kurz nach, geht in sein Expedit-Regal mit seinen tausend Platten, greift einmal hin, meint „Ja, ich glaube hier ist was“, legt auf, meint „Es ist bestimmt Track 2“, legt die Nadel auf und da war es. Großen Respekt dafür! Er hat es direkt von der Vinyl gescratcht.

Ansage Aussage

Der progressivste Track der Platte. Ursprünglich war er mal als motivierender Song geplant. Ich gebe ja Workshops, und ganz oft wollen die Kids oder Jugendlichen dann auch, dass ich etwas rappe. Meistens freestyle ich erst und dann schreiben wir auch Texte. Was mir mega wichtig ist – und das auch bei den Freestyle-Cyphers, auf denen ich unterwegs bin: Ich habe übelst Bock, dass alle möglichen Leute rappen, was sagen und sich einbringen – aber vor allem sollen sie etwas sagen! Sie sollen zulassen, sich selbst zu zeigen, anstatt Phrasen zu schwingen und andere runter zu machen. Nichts gegen Battle-Rap, das meine ich nicht. Mir fehlt es halt ganz oft, dass ich den Menschen vor mir in seinen Texten greifen kann. Image-Rap ist mir generell fremd, da komm ich nicht drauf klar. Natürlich kann man es sich mal zur Unterhaltung ankucken, aber ich bin dann doch ein Realkeeper. Ich mag es, wenn ich die Persönlichkeit dahinter sehe, so Megaloh-mäßig: „Einzige Mucke, wo man das, was man sagt, auch verkörpern muss“. Mir fehlt es grundsätzlich sehr viel an Aussage. Viele Rap-Songs sind sehr assoziativ geschrieben – vielleicht haben sie auch Aussage, und ich verstehe sie nur nicht. Aber vielen Sachen fehlt komplett die Aussage. Das sind Tunes, zu denen man sich vielleicht total wegschießen kann, aber mehr auch nicht. „Ansage Aussage“ ist so meine Klarstellung: Ich will Rap mit Aussage haben. Es gibt so viele schöne Beats und aktuelle Themen, über die wir reden könnten, vor allem in der heutigen Zeit. Wir könnten viel Zeit damit verbringen, über Sachen zu reden, anstatt uns davon abzulenken. Ich will aber die Unterhaltung auch nicht komplett weg reden. Ein bisschen Hedonismus sollte sein, aber wir sollten uns im Gegenzug auch die Zeit nehmen um etwas zu sagen. Das ist meine Grundattitüde, in meinen Songs was zu sagen. Aber letztendlich ist ja selbst die Definition von Aussage subjektiv.

Der Titel „Ansage Aussage“ ist natürlich auch eine Anlehnung an die Zeit von Aggro Berlin. Auf dem Track hab ich mir DJ dørbystarr eingeladen, der den Track sehr feiert und auch im Video dabei ist. Der Beat ist von Oknar, ein ziemliches Brett, das ich sehr feier.

Pendler

Bei „Pendler“ steckt in fast jeder Zeile ein unterschiedliches Erlebnis mit verschiedenen Personen. Dadurch, dass ich in Halle studiere und in Leipzig wohne, habe ich lange Zeit bei Freunden gepennt, zum Teil auch Wochenweise. Auch in Leipzig habe ich teilweise bei anderen Leuten gewohnt, während ich noch offiziell bei meinen Eltern in Markleeberg gewohnt habe und immer unterwegs war. Das war eine echt gute Zeit – und ich zecke mich immer noch gerne bei Anderen ein. Oft kommt schon die Frage: „Und, wo schläfst du heute?“. (grinst) Die Geschichten sind neben Leipzig in Halle, Berlin, Ingolstadt und Göttingen passiert. Wir hatten beispielsweise in Markleeberg ein riesengroßes Baumhaus mit drei Etagen und Heizung. Da haben wir bei Minusgraden Sauna drin gemacht, true story.

Im letzten Part zensiere ich mich übrigens selbst, als ich das Wort „zensiert“ sagen will. Das hat den Hintergrund, dass ich im Schauspiel Leipzig auf einer Amateurbühne im Spinnwerk eine Zeit lang inszeniert und mitgespielt habe. Mein letztes Theaterstück war sehr politisch und kam nicht so gut an – es hieß „Das Nazistück“. Es hat sich schon vor dem NSU-Skandal und dem aktuell spürbaren Rechtsruck mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich habe darin gezeigt, was teilweise fiktive und echte Begebenheiten in Leipzig und an anderen Orten sind. Damals habe ich krasse Szenen gemacht, die ich heute vielleicht nicht mehr so machen würde. Der Intendant, der sehr bekannt dafür war, ständig Tabus zu brechen und ständig nackte Menschen auf der Bühne zu haben, um krasse Bilder zu haben, hat mein Stück nach der Premiere abgesagt, weil es so nicht tragbar war. Ich wurde dann teilweise sogar selbst noch bezichtigt, rechtsgerichtet zu sein – was ich irgendwie sehr witzig finde, weil man meinen Namen nur bei Google eingeben muss, um zu sehen, dass ich nicht auf dieser Seite stehe. Deswegen habe ich mich auf dem Song selbst zensiert, weil mich der Intendant gebeten hat, nicht zu sagen, dass ich zensiert werde. Also mach ich es nicht.

In „Pendler“ stecken sehr viele Geschichten drin – ich pendele immer noch, und wenn ich live vorbei komme, brauche ich auch einen Schlafplatz. Der Produzent ist Rooq, der ziemlich viel für Witten Untouchable und Lakmann One produziert. Ich habe ihn angefragt und er hat mir übelst vertrauensvoll Zugang zu einem Ordner mit all seinen Beats gegeben. Der Beat, den ich ursprünglich gepickt hatte, hat dann Lakmann One auf sein Album geholt. Da war ich traurig, aber ich habe einen neuen gefunden, den ich auch sehr mag. Die Zusammenarbeit mit Rooq war cool.

Sayes - Nicht nur vielleicht
Bild: Sayes

Laute Helden

Der Song ist entstanden, als ein paar Titel wieder von der Platte geflogen waren, weil sie vom Sound ich mehr zu „Nicht nur vielleicht“ passten. Es ist der neueste Song und wurde produziert von Opek. Dadurch, dass ich schon mit verschiedenen Bands Liveauftritte hatte und auch Workshops gebe, sehen manche Kids schon krass zu einem auf. Mir persönlich ist das megamäßig zu viel, ich hasse Personenkult. Ich hasse es auch voll Autogramme zu geben und will stattdessen lieber Sticker rausgeben, anstatt irgendwas zu signieren. Mir ist natürlich vollkommen klar: Je bekannter eine Person ist, desto stärker identifiziert man sich damit und will auch ein Autogramm. Aber dieser Personenkult ist nicht mein Ding.

Darum geht es halt auf dem bei „Laute Helden“: Einerseits stehe ich auf der Bühne, und dabei werden Sachen auf mich projiziert. Das ist auch teilweise meine eigene Wahrnehmung, dass ich beispielsweise in Cyphers die Rolle vertrete, dass ich Schellen verteile sobald diskriminierende Sprache kommt. Da wurde ich teilweise auch schon als HipHop Polizei bezeichnet. Ich mag es aber nicht, allem einen Stempel aufzudrücken, denn ich würde eine Cypher viel lieber einfach fließen lassen. Aber natürlich fühle ich mich auch eingeengt, wenn da solche Sachen gesagt werden – und muss mir Luft machen.

Helden ist jedenfalls das neue Logo überall: Alle wollen Helden sein. Ob das diese Marvel Filme sind oder ob es in der Gesellschaft ist: Ich soll ein Held sein. Großartig. (Schüttelt den Kopf) Es ist eine komische Eben, ein Held zu sein, denn ich möchte viel lieber ein Mitmensch sein. Ich möchte niemanden entmündigen durch eine Vorbildfunktion, sondern mit den Menschen zusammen agieren. Wie ich auch auf dem Song sage: Wenn man Helden braucht, dann muss irgendetwas im Ungleichgewicht sein. Und da liegt mein Fokus: Anstatt mich als Held zu manifestieren, frage ich lieber nach, was denn falsch läuft. Viele Menschen haben halt auch immer den Mund offen und reden, während andere Menschen nicht zu Wort kommen können, weil sie nicht den Raum dazu haben. Das meint „Laute Helden“ auch. Man sollte seinen Mitmenschen generell mehr zuhören und dafür auch mal weniger reden.

Sayes - Nicht nur vielleicht
Cover zu „Nicht nur vielleicht“ von Sayes

Versuch

Produziert von Ruz. Mit ihm entsteht wahrscheinlich demnächst eine EP, da sind ein paar Sachen im kommen. Der Beat geht mir sehr tief unter die Haut, ich mag den Titel. Ich bin oft ein zweifelnder und kritisierender Mensch, aber gleichzeitig bin ich keiner, der schnell aufgibt – sondern wieder und wieder versucht. Und darum geht es in „Versuch“. Da ist auch diese Referenz an Christoph Schlingensief und das „Scheitern als Chance“. Der Song spricht aber sehr weit für sich, man sollte einfach zuhören. Die Cutz kommen von Buzy A. Vielleicht ist er als erster Track auf der B-Seite auch ein Gegenstück oder eine Art Fortsetzung zu „Nicht nur vielleicht“, mit dem die erste Seite beginnt.

Cocktaileffekt

„Cocktaileffekt“ wurde von Duktus produziert. Den Track gab es schon vor dem Release in einer anderen Version auf meiner Soundcloud-Seite. Ich hatte den ursprünglich auf einem Free-Beat released und Duktus hat sich dann daran orientiert, um seinen eigenen Beat darauf zu machen. „Cocktaileffekt“ beschreibt den Moment, wenn ganz viele Leute reden und plötzlich sagt Jemand in der Menge sowas wie deinen Namen oder etwas, wo du dich angesprochen fühlst. Durch das Gewirr von Stimmen hörst du das plötzlich raus und merkst: Da hat jemand über mich geredet. Es geht letztendlich um eine Situation, in der man einer Person näher kommt und einen One-Night-Stand hat – um sich dann am nächsten Tag trotzdem wieder einsam zu fühlen. Das soll Jeder handhaben wie er will, und ich mag auch diese emotionalen Ups und Downs.

Letztendlich geht es darum zu fragen, inwieweit man Nähe zulässt. Was ich witzig finde: Der Song ist entstanden, noch bevor „Verliebt“ von der Antilopen Gang rauskam – wobei nicht ganz klar war, ob die über eine Frau oder einen Mann sprechen und im Video sogar zwei Männer knutschen. Bei meinem Song ist das ähnlich offen, darauf hatte ich beim Schreiben geachtet. Meine Kollegen müssen, wenn wir den Song live spielen, immer rauchen. Der Song triggert die hart – ich bin zwar Nichtraucher und kann es nicht nachempfinden, aber scheinbar habe ich damit etwas losgetreten. (lacht) Grüße an Kalle vom Dach!

Sonnenstich

Ich glaube neben „Nicht nur vielleicht“ und „Cocktaileffekt“ der älteste Song der Platte. Produziert hat den Leijione, bei dem ich auch aufgenommen habe und der die EP gemixt hat. Bevor wir die erste Aufnahme gemacht haben und wirklich in Kontakt kamen, hatte ich ihn wegen einem Beat angeschrieben – und ich habe diesen hier gepickt. Es ist eine abstraktere Form, die Themen wie Versuchen und Scheitern beschreibt. Ich habe „Sonnenstich“ mit einem Spätsommer-Feeling geschrieben, wo alle Menschen draußen waren und ich wegen Sachen wie der Uni nicht raus kam. Wenn ich dann doch draußen war, habe ich mich sehr unwohl gefühlt, weil ich ja zu tun hatte. Genau da setzt der Song an. Vielen Dank an Leijione, er gibt im Aufnahmeprozess echt gutes Feedback und hat mir viel geholfen. Vom Sound geht „Sonnenstich“ ein wenig mehr in die elektronische Richtung – und weil auch der nächste Titel in eine andere Richtung geht, gehören die Tracks irgendwie zusammen.

Ausgebrannt

Der steht ein bisschen im Widerspruch zu den anderen Sachen. Produziert hat Buccaneer Beats, der auch für meine Crew Rana Esculenta produziert und selbst Rapper ist. Ich bin inspiriert worden von der befreundeten Rap-Crew Radical Hype, die sich leider inzwischen aufgelöst hat. Die hatten den Song „Marianengraben“ rausgebracht, der auch relativ düster war. Ich habe das Ding gehört und direkt den ersten Part zu „Ausgebrannt“ geschrieben, noch komplett ohne Beat. Dabei habe ich mich auf dieses Bild von Brennen, Ausbrennen und Feuer konzentriert. Kalle aka Buccaneer Beats hat sich dann an dem Abend gleich an den Beat gesetzt und mir bis zum nächsten Morgen was gebaut, worauf ich dann den zweiten Part geschrieben habe. In der Zwischenzeit habe ich die Samples rausgesucht. Abgesehen von der Aufnahme selbst ist der Track in zwölf Stunden entstanden – normalerweise brauche ich deutlich länger. Es geht darum, ausgebrannt zu sein und damit umzugehen. Quasi trotzdem nochmal den „Versuch“ wagen. Ich selbst übernehme mich ganz häufig und bin dann oft total fertig – und dieses Bild der Flammen fand ich ganz passend. Viele Leute aus meinem Umfeld, die „Ausgebrannt“ gehört haben, meinten das würde gar nicht zu mir passen. Aber ich habe halt auch eine düstere Seite – da existieren auch noch ein paar Tracks, die nicht auf der EP gelandet sind und etwas düsterer sind. Das wird noch einmal separat veröffentlicht.

„Nicht nur vielleicht“ von Sayes ist auf Vinyl im Direktvertrieb sowie digital auf Bandcamp erhältlich.

Cover & Tracklist zu "Nicht nur Vielleicht"

Sayes - Nicht nur vielleicht
Cover zur „Nicht nur vielleicht“ EP


Tracklist

  1. Nicht nur vielleicht (mit DJ Skyline / prod. Kenji451)
  2. Ansage Aussage (mit DJ dørbystarr / prod. Oknar)
  3. Pendler (mit DJ David *chen / prod. Rooq)
  4. Laute Helden (prod. Opek)
  5. Versuch (mit DJ Buzy A / prod. Ruz)
  6. Cocktaileffekt (mit DJ David *chen / prod. Duktus)
  7. Sonnenstich (prod. Leijione)
  8. Ausgebrannt (prod. Buccaneer Beats)

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