FeaturesInterviewNews

Hiob & Pierre Sonality: Die Zampanos im Interview

Es ist ein Spätsommerabend, an dem Hiob und Pierre Sonality nach einem städteübergreifenden Interview-Marathon am Zielort Leipzig ankommen. Ihr gemeinsames Album „Die Zampanos“ im Gepäck, gesellen sich die Herren an die Bar der DHF, um bei diversen alkoholischen Getränken zu entspannen und das letzte Interview des Tages für RAP CIRCUS zu geben. Hiob ist sicher: Wenn er sich den Zampanos-Lifestyle, den er gemeinsam mit Pierre fährt, jeden Tag gönnen würde, hätte er nur noch 15 Jahre zu leben. Trotzdem lacht er stolz, als er sich zum besseren Raucher des Duos erklärt: „Pierre raucht nicht ordentlich nach dem Aufstehen. Er ist kein richtiger Raucher.“

RAP CIRCUS: Die Zampanos sind Genussmenschen…

Pierre Sonality: Diese Frage kann nur mit einem „Ja“ beantwortet werden.

Hiob: Ich habe erst neulich den Spruch gelesen: Man kann die Versuchung nur besiegen, indem man ihr erliegt.

Wie sieht es denn aus, wenn ihr euch mal richtig gönnen wollt?

Pierre: Wir gönnen uns auf jeden Fall auch mal richtig hart…

Hiob: Wir sind beide große Cognac-Fans. Sobald wir die Mittel dazu haben, uns einen guten Cognac zu leisten, sind wir dabei. Es fängt bei Courvoisier an und geht dann aufwärts. Das ist Genuss: Ein richtig guter Cognac, den man langsam trinkt. Er muss Körpertemperatur haben.

Pierre: Guten Cognac serviert man in einem aufgewärmten Glas. Wir schwenken gerne das Glas.

Hiob: Die besten Menschen sind Lebemänner.

Pierre: Stimmt, denn sobald du an einem Punkt bist, wo es dir gut geht, willst du auch den anderen Menschen nichts schlechtes mehr tun. Ich kenne persönlich viele Millionäre, und das sind die chilligsten Menschen überhaupt. Das sind keine Gangster-Millionäre, sondern Millionäre durch harte Arbeit.

Hiob: Leute, die nicht selbstironisch sind und die Erbärmlichkeit ihres Menschseins nicht anerkennen, akzeptieren und spiegeln können – das sind die wirklich gefährlichen Menschen.

Pierre: Innere Frustration ist der Schlüssel zu der Tür, hinter der sich nur noch ein Abgrund auftut. Ich hätte jetzt gern eine Zigarette und einen Shot.

(Pierre bestellt Shots)

Regisseur Francis Ford Copolla hat in einem Interview über die Dreharbeiten zu seinem Filmklassiker „Apocalypse Now“ von Abgründen gesprochen, die sich während der Reise, die sein kreativer Prozess darstellt, auftun können. Wie nah liegen für euch Kreativität und Wahnsinn zusammen?

Pierre: Da kommen wir an einen sehr interessanten Punkt. Das war in der Doku „Reise ins Herz der Finsternis“, nicht wahr? Wo man auch Martin Sheen sturzbetrunken sieht?

Genau.

Hiob: Wir waren tatsächlich selbst an so einem Punkt, den wir auch erreichen wollten. Für die erste Session zum Album haben wir uns gesagt: Lass uns diesen Wahnsinn zulassen, sich komplett mit allem abzuschießen.

Pierre: Dazu haben wir alles zurate gezogen, was verfügbar war.

Hiob: Wir hatten am Anfang sogar ein Terrarium mit Ackerkröten und haben Kröten geleckt. Pierre hat Kröten geleckt mit LSD-Trips drauf. Wie dem auch sei – es hat nicht funktioniert. Wir haben auf diesem Next-Mindstate-Level Tracks aufgenommen, aber das macht für den Hörer keinen Sinn. Das waren Tracks über Flamingos, über Wolkenformen…

Pierre: Wir haben uns wirklich krass weggeschossen, um an das ranzukommen, was eigentlich in uns drin ist. Dann haben wir gemerkt, wir müssen einen Gang runter schalten. Es hat nicht funktioniert, wir konnten das nicht rausbringen.

Hiob: Diese Musik versteht niemand, der nicht mit uns in diesem Studio war. Und deswegen ist das „Zampanos“-Album dann im Vergleich dazu doch sehr herkömmlich geworden.

Wir haben einfach experimentiert: 20 Prozent Experiment in der Musik und 80 Prozent Experiment an uns selbst.
— Pierre Sonality
Pierre: Nachdem wir die Erkenntnis erlangt hatten, dass wir so nicht weiter kommen, sind die anderen Tracks entstanden. Für uns selbst haben wir wirklich viel mitgenommen, aber das Album fährt jetzt wieder auf einem konventionellen Gleis. Es hält bloß nicht an jedem Bahnhof. (grinst)

Hiob: Vielleicht hätten wir den Flamingo-Track doch rausbringen sollen. Ich erinnere mich grad an den Flamingo, der da in diesem Zimmer war. Falls du dich erinnerst?

Pierre: Den hast nur du gesehen. Ich hab den nicht gesehen.

Hiob: Wie, du hast den nicht gesehen? Der war doch da!

Pierre: Ey, Lukutsz hat auch gesagt, dass da kein Flamingo war. Ich hätte mich erinnert. Jedenfalls… haben wir gesagt, lass uns doch mal richtig ausflippen. Und Hiob hat auch schon selbst gesagt: Wenn er zu mir kommt, ist das wie Ferien vom Alltag. Nach der ersten Woche war dann ein Track für die Leute zumutbar, und das war „Ronny“. Wir haben noch viele Leichen auf der Festplatte, die wir erst veröffentlichen können, wenn die Welt dafür bereit ist. Vielleicht nach dem Atomkrieg.

Hiob: Dann bringen wir ne Maxi raus. Der Track heißt original „Ghettofisch“…

Pierre: Wir haben einfach experimentiert: 20 Prozent Experiment in der Musik und 80 Prozent Experiment an uns selbst als Menschen in dieser Welt, die – wie wir danach bemerkt haben – nicht so verrückt ist, wie wir es sein können, wenn wir wollen. Wir haben im Studio Grenzerfahrungen gemacht.

https://youtu.be/43xXX7n8ll

Dazu passt ja auch, dass eine Auslegung des Begriffs „Zampano“ übertriebenes Verhalten beschreibt.

Pierre: Natürlich, es ist ein gebaren aus der Lust heraus, sich als mehr darzustellen, als man ist. Schau dir Hiob an, schau dir mich an – wir sind Prahlhänse vor dem Herren. Und das aus Passion heraus. Das zeigt sich gut, wenn wir raus sind. Prost!

(es wird angestoßen)

Hiob: Auslegung hin und her, das Wort kommt tatsächlich aus dem Film „La Strada“ vom Charakter des Zampanos. Es ist aber inzwischen ein geflügeltes Wort. Wir haben den Film aber erst im Nachhinein gesehen.

Pierre: Ich habe den Film nie gesehen.

Was liegt dem Cover zu eurem Album zugrunde?

Hiob: Lutz Reimer, ein Bekannter von mir aus Kassel, fiel mir beim Thema Cover sofort ein. Bei den Releases über das Label Mofo Airlines haben wir ja eine sich durchziehende Ästhetik, die bei dieser Platte aber zu sauber gewesen wäre. Das „Zampanos“-Album ist ja schon ziemlich Punk, und dieses Element haben wir ja auch für die Platte gelebt. In diesem Zustand sind wir aber nur in einer Rolle, und das Cover illustriert diese Rolle und das Szenenbild.

Habt ihr Lutz Reimer gesagt, in welche Richtung es gehen soll?

Hiob: Wir haben ihm nicht gesagt, was er machen soll. Er ist ein unglaublich guter Comiczeichner und hat es einfach gemacht – wir haben ihm die Musik gegeben und er hat sich daran orientiert. Und was man jetzt auf dem Cover sieht, ist genau der Film den wir fahren, wenn Pierre und ich zusammen unterwegs sind. Das ist natürlich anstrengend, aber so sind wir unterwegs. Und Lutz Reimer hat das bestens getroffen.

Pierre: Auf dem Cover sehe ich endlich mal vernünftig aus. So sehe ich mich, wenn ich morgens aufstehe.

Hiob - Pierre Sonality - Die Zampanos
Cover zu „Die Zampanos“

Ihr habt euch früher oder später während der Produktion sicherlich grundlegend mit „Ronny“ auseinandergesetzt?

Pierre: Nachdem der Song entstanden war, hat sofort das Schicksal zugeschlagen. Wir waren in einer Dartkneipe und haben uns zusammen mit Mr. Chrizze richtig einen reingestellt. Dort war so eine Jukebox, und in dieser Jukebox war unter den 80 CDs die Best-Of von Ronny. Die haben wir natürlich gehört, und währenddessen – das ist jetzt wirklich Real Talk – hat Hiob dreimal das Bulls Eye geworfen.

Hiob: Das war krass!

Pierre: Das war der größter Dartwurf in seinem Leben! Und in der Jukebox lief „Annabell“…

Hiob: Mutterficker, dreimal hintereinander Bulls Eye! Was will mir die HipHop Szene jetzt noch erzählen?

Pierre: Mr. Chrizze kann das bestätigen. Hiob trifft das erste mal, wir kriegen es am Rande mit und feiern seinen Glückswurf. Dann wirft er den zweiten und wir so „Was’n jetzt los!“, und den dritten knallt er genauso rein.

Hiob: Das war ein guter Tag.

Pierre: Ronny hat von oben herunter gekuckt, auf Hiob gelächelt und gesagt: Danke.

Es keinen Unterschied zwischen Mainstream-Rap und Schlager mehr.
— Hiob
Hiob: Und wir sagen auch danke an diesen Menschen, wie er sein Leben gelebt hat. Natürlich hat er auch Kommerz-Shit gemacht, aber es geht auch um seine Attitude. Uns wurde im „Zampanos“-Interview mit der Juice auch die Frage gestellt, ob es noch einen Unterschied zwischen Mainstream-Rap und Schlager gebe. Ich sage dir: Es gibt keinen Unterschied zwischen Mainstream-Rap und Schlager mehr, denn so belanglos wie Cro ist, so belanglos wie Marteria ist – das ist der selbe Scheiß.

Pierre: Das ist Gleichschaltungsmusik.

Hiob: Die Sache ist: Es dudelt halt so nebenbei vor sich her, aber sagt halt nichts außer: „Ich häng hier rum, mir geht es gut, ich kauf mir noch nen Tee beim Café um die Ecke“. Es gab zur großen Zeit des Schlagers ein linksradikales Potential in der Gesellschaft, aber so rebellisch, wie sich diese Musik gibt, so belanglos ist sie auch. Ich weiß nicht, wie junge Menschen, die mit dieser Musik groß werden, mal irgendwann im Leben zurecht kommen sollen. Vor allem, wenn sich unser Leben eines Tages mal plötzlich radikal ändern sollte.

Wisst ihr, was Veröffentlichungen wie „Forever Young“ von Alphaville und „Füchse / K Zwo“ von den Beginnern gemeinsam haben?

Pierre: Nein, weiß ich nicht.

Die Vinyls für den deutschen Markt sind im Studio von eurem Ronny gemastert worden.

Pierre: Alter! Wirklich?

Hiob: Krass. Aber Ronny saß nicht selbst an den Reglern, oder?

Das lässt sich leider nicht mehr ganz so einfach nachvollziehen.

Hiob: Das witzige ist: Unser Mastering-Ingenieur meinte beim Mastern von „Ronny“, er kenne die Samples irgendwoher. Letztendlich stellte sich raus, dass er die Werbung zur Gold-Edition von Ronny auch gemischt hat. Und soll ich dir jetzt mal mein Beginner-Erlebnis erzählen? Ich hatte ein Sample von einem 70er oder 80er Jahre Erotikfilm gefunden, es Morlockk Dilemma geschickt und meinte zu ihm, lass mal auf den Beat was machen. Morlockk schrieb halt zurück: „Alter Hiob, auf dem Beat wurde schon was gemacht“. Ich fragt ihn „Wat denn?“, und er meinte so „Hammerhart“ von den Beginnern. Ich kannte die Gruppe bis dahin nicht, und das glaubt mir halt auch keiner. Für mich ist Rap immer noch ein Ami-Ding, Deutschrap ist für mich immer wack gewesen.

Würdest du denn sagen, du benutzt einen besonderen Sprachstil für deutschen Rap?

Hiob: Ich bin halt der einzige, der richtiges Deutsch spricht. (lacht) Ich benutze gern Fälle, Präpositionen und baue gern verruchteste Worte ein, die uns in der deutschen Sprache zur Verfügung stehen. Viele Rapper benutzen Grammatik nicht so gern, weil sie dann Sätze umstellen müssen. Im Endeffekt ist es schade, was dadurch mit der deutschen Sprache gemacht wird.

Dürfen wir mit einem neuen Soloalbum von Hiob rechnen?

Hiob: Zuerst einmal müssen wir diese ganze „Zampanos“-Geschichte überleben. Nächstes Jahr will ich dann das Album veröffentlichen, was bei mir seit Jahren in Arbeit ist. Es wird „Abgesänge“ heißen und ist ein Abgesang auf alles: Auf unsere Gesellschaft, die HipHop Kultur, auf unsere Jugend.

Pierre, als wir das letzte Interview zum Sendemast-Album geführt haben, hast du die These aufgestellt, dass HipHop Journalismus tot sei. Du wurdest danach mehrfach auf diese Aussage angesprochen…

Pierre: Es haben sich tatsächlich mehrere Leute daraufhin bei mir gemeldet – auch Journalisten. Die fragten, warum ich denn so scharf schieße. Aber meine Meinung hat sich nicht geändert, es ist vielmehr schlimmer denn je. Du siehst in den sozialen Netzwerken eine Vorschau zu einem Interview, und es heißt „Rapper X redet über Rapper Y und Rapper 12.“ Und dann geht es irgendwann um das Album. Was geht? Guckt euch diesen Schrott an! Es geht nur noch um Personenkult, es ist Wrestling. Da steigen nur noch Wrestler gegeneinander auf der Waage. Dafür machen Hiob und ich keine Musik. In unseren Interviews geht es um die Musik.

Die Mini-LP „Die Zampanos“ von Hiob und Pierre Sonality wurde von Hieronymuz produziert und ist über Mofo Airlines erschienen. Erhältlich ist das Release als CD und Vinyl auf der Website von Kapitalismus-Jetz.de sowie bei HHV und Vinyldigital. Digital ist das Album bei iTunes und Amazon verfügbar.

>>> Die Zampanos bei INSIDE TRACKS <<<

Die Zampanos - Hiob - Pierre Sonality
Bild: Montage (Mofo Airlines / Muther Manufaktur)
Cover & Tracklist zu "Die Zampanos"

Hiob - Pierre Sonality - Die Zampanos
Cover zu „Die Zampanos“


Tracklist

  1. Intro
  2. Gläser Hoch
  3. Mofagang
  4. Ein Tag
  5. Über Uns (feat. Sonne Ra)
  6. Die Sonne
  7. Ronny
  8. Nach Hause (feat. Morlockk Dilemma)

Pierre Sonality bei Facebook

Vorheriger Artikel

INSIDE TRACKS #11: Hiob & Pierre Sonality über "Die Zampanos"

Nächster Artikel

BRING THE NOISE #21 w/ Mr. Chrizze, Soulmade...