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INSIDE TRACKS #10: Älmächtig über „Pleite oder Reich?“

Die Rubrik INSIDE TRACKS erzählt Entstehungsgeschichten und Hintergründe von Musik. In Episode #10 spricht Älmächtig über sein Album „Pleite oder Reich?“.

Rap-Kapitalist (prod. Menace0711)

„Rap-Kapitalist“ ist entstanden, kurz nachdem ich meine Ausbildung abgebrochen habe. Mir ist dann aufgefallen, dass ich keine Kohle habe – obwohl ich vorher eigentlich auch nicht wirklich viel Geld hatte. Ich hab dann einfach ein bisschen drüber geschrieben, dass viele Rapper nur über Kohle und Materialismus rappen. Für mich hat das Thema Geld einfach nicht so viel inhaltlichen Wert. Es ist halt die Frage, zu welcher Sparte von HipHop man gehören will. Der Track drückt halt einfach den Unmut über die Art von Musik aus, mit der gerade Geld verdient werden kann. „Rap-Kapitalist“ ist ein bisschen rebellisch.

„Manchmal schäme ich mich“ (prod. FabBeat)

Die Geschichten auf dem Track sind auf jeden Fall alles wahre Begebenheiten. Ich beschreibe einfach, dass es mich als Mann nervt, von anderen Männern direkt in eine Schiene gedrängt zu werden. Oft passiert es in Gesprächen mit Leuten, die ich überhaupt nicht kenne – aber die denken, wir sind Verbündete, weil wir beide Männer sind. Dann lassen sie ihren ganzen Scheiß bei mir ab, und oft kommt dann sexistischer Scheiß bei denen raus. Ich werde aber nicht mal gefragt, ob ich darauf Bock hab. Ich werde einfach da rein gedrängt, ohne dass ich es will. Und das nervt halt voll. Das sag ich ja auch sinngemäß im Text: Sie kommen her, labern irgend einen Spruch, denken, sie sind meine Verbündeten und wollen auch noch mein Weed haben. Ich denk mir dann nur so „Yo, wer bist du eigentlich?“ (lacht) „Was laberst du? Ich hab damit nichts zu tun, ich bin nicht dein Freund.“ (lacht) Der Beat ist von FabBeat aus Stuttgart, den ich bei Soundcloud kennen gelernt habe. Ich mach das oft so, wenn mir etwas bei Soundcloud gefällt, schreibe ich direkt drauf, nehme auf und schicke den Leuten dann direkt das ganze Projekt, damit sie eine Ahnung haben, was abgeht. Er hat mir direkt eine DIN-A4-Seite an Feedback zurück geschrieben mit voll vielen Kritikpunkten, was ich nochmal neu aufnehmen soll und wo ich noch was machen sollte. Das fand ich halt voll nice, dass er sich das richtig angehört hat und eine Meinung dazu hat. Wir treffen uns demnächst mal und wollen ein Video zusammen drehen. Er hat es voll drauf mit seinen Beats, wir arbeiten jetzt gemeinsam an einer EP.

Alles aus Liebe (prod. J-Beats)

Der kommt vom Text am nächsten an die Tracks von meiner ersten Platte „Satt und Nackt“ heran und ist ziemlich persönlich. Es geht einfach darum, dass man sich vom ganzen Struggle um Liebe, Geld und Freundschaft entweder niedermachen lassen kann, oder es einfach positiv als Teil des Lebens sieht. Entweder du bringst dich um oder du führst dieses Leben aus Liebe zum Leben. Ich bin halt irgendwann auf den Trichter gekommen, dass selbst die ganze Scheiße, die passiert, aus Liebe zum Leben passiert. Ich will coole Sachen erleben und auch die Schwierigkeiten integrieren. Der Beat von J-Beats hat mich direkt gecatcht und ich hab zu ihm gesagt, den kann er niemand anderem geben, weil ich den unbedingt haben will.

A.C. (prod. Menace0711)

Ich bin irgendwann auf die Soundcloud-Seite von Menace0711 gestoßen und war mega geflasht. „A.C.“ ist wie „Rap-Kapitalist“ entstanden, kurz nachdem ich meine Ausbildung abgebrochen habe. Ich habe morgens in meinem Zimmer gesessen und aus dem Fenster geschaut. Ich war richtig verballert und hab die graue Häuserwand gegenüber angestarrt. Ich hab mich gefragt, was ich hier eigentlich machen: Ich hab kein Geld, keine Ausbildung, mit Freundin ist auch grad schwierig… es ist Anger-Crottendorf, A.C. (lacht). Der Track ist dann aus einem Gefühl heraus entstanden: Es ist alles grau, es gibt Schwierigkeiten – aber was solls. Ich bin hier, ich hab Bock drauf hier zu sein, Bock Mucke zu machen, das Viertel „A.C.“ ist irgendwie was besonderes. „A.C.“ soll überhaupt kein Hood-Representer sein, sondern einfach sagen, dass vieles schief läuft – aber auch vieles gut läuft. Dieses „A.C. – Alles ist cool“ ist einfach der Optimismus, der dem ganzen innewohnt. Eine Line ist: „Die Fabrik ist schon verkauft, es werden Luxus-Lofts für Yuppies gebaut“ – und danach kommt gleich „Alles ist cool“. Natürlich ist nicht alles cool, aber genau dieser Struggle kann man auch positiv sehen. Wir wohnen halt hier, aber „alles ist scheiße“ ist halt auch nicht richtig. Es läuft schon irgendwie weiter.

Pleite oder Reich? - Älmächtig
A.C.: Fensterblick auf graue Fassaden (Bild: Älmächtig)

Pleite oder Reich? (prod. dasd)

Ich hab mich direkt in den Beat von dasd verliebt, als ich ihn gehört habe. Daraus ist dann der Titeltrack geworden. Die Frage ist: Was ist „pleite sein“, was ist „reich sein“? Man kann das nicht allein aufs Geld beschränken. Ich bin nicht pleite, weil ich kein Geld habe und nicht reich, weil ich Geld habe. Ich kann mir immer die Frage stellen: Bin ich pleite oder reich? Ich würde mich selbst als reich bezeichnen, obwohl ich eigentlich pleite bin und kein Geld habe. Diesen Konflikt wollte ich in dem Song darstellen, sodass man sich nicht abhängig macht von dem Geld. Das ist natürlich immer leicht zu sagen, denn am Ende muss auch ich beim Catering arbeiten, um meine Schulden für die Albumproduktion zu bezahlen. Trotzdem würde ich mich als reich beschreiben. Die Message ist ähnlich wie bei „A.C.“ – egal ob pleite oder reich, chill einfach! (grinst)

Plan B I (prod. Jake Five)

Man überlegt ja immer, wie man irgendwie an ein bisschen Kohle kommen kann. Entstanden ist der Track auf einer Fernbusfahrt nach Berlin. Der Text ist einfach so rausgesprudelt und hat Spaß gemacht, was man denke ich auch hört. Das Thema Virtual Reality ist so real – es liegt zwar in der Zukunft, aber vielleicht nur noch ein Jahr. (lacht) Ich sehe dieses Thema sehr kritisch und feiere die Technik nicht so krass ab. Aber es dreht sich einfach um diese Vision: Damit wird man in Zukunft richtig fett Cash machen. Mein Boy Jake Five hat den Beat beigesteuert, der mich direkt gecatcht hat. Der Track ist einfach ein Kopfnicker, der sogar etwas Message hat.

Plan B II (prod. Paul Watzlawik)

Ich wollte „Plan B I“ nicht so stehen lassen, weil ich Angst hatte, dass die Leute den Track falsch verstehen. Außerdem wollte ich die Geschichte auch zu Ende bringen. Für mich war beim ersten Teil schon klar, wie das ganze endet. Mit „Plan B II“ geht halt alles zugrunde, dieses ganze Business frisst sich selber auf. Die Leute werden wegen Virtual Reality mehr oder weniger zu Zombies, kommen nicht mehr von dieser VR-Brille weg und verhungern. Die Welt ist im Arsch und ich steh da und frag mich nur: Warum ist das ganze Cash wieder weg? In diesem System kannst du halt Kohle machen, aber im Endeffekt bleibt mir dann doch bloß das Rappen übrig. (lacht) Der Beat von Paul Watzlawik aus Berlin ist ein echter Storyteller, es hat richtig Spaß gemacht darauf zu schreiben. Ich hab den Text auch nur einmal aufgenommen, das war One-Take. Ich hab den dann so gelassen, weil er genau die Stimmung rübergebracht hat, in der ich war.

Sie wollen scheinen (prod. H Esslich)

„Sie wollen scheinen“ sticht auf jeden Fall aus dem Album heraus, das ist ein ziemlicher Aufs-Maul-Track. Produziert hat den H Esslich, der in Reudnitz und somit quasi gleich nebenan wohnt. Auf ihn bin ich auch durch Zufall über Soundcloud gekommen. Ich hatte einfach Bock, mal so einen Track zu machen, etwas schnelleres zu schreiben und mich einfach mal auszuprobieren. Diese elektronische Hook ist von ganz selbst gekommen, die war auf einmal da und ich dacht nur „ok“. (lacht) Es geht beim Track wieder um materialistische Rapper, die sich irgendwelche Autos für ihre Videos leihen, um irgendwas darzustellen – was auch immer. „Sie wollen scheinen auf verchromten Reifen, die Bombe gibts gratis, es wird sie zerreißen.“ Ich hab es aus der Perspektive geschrieben, dass Älmächtig ein Autovermieter ist und dieses ganze Rap-Video sprengt.

Pleite oder Reich? - Älmächtig
Älmächtig präsentiert sein Album „Pleite oder Reich?“ (Bild: RAP CIRCUS)

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Was die Welt (prod. Paul Watzlawik)

Der Beat fängt ja schon an: „What the world needs now“. Das fand ich catchy, weil das schon eine witzige Frage ist. Ich hab dann ein paar Dinge aufgezählt, und so einen schön leichten Track geschaffen, von der Stimmung und auch inhaltlich. Es ist nix groß zum nachdenken – ich hab den glaube ich auch in ziemlich breitem Zustand geschrieben. (lacht) Ich hatte Bock, der Beat hat die Vorgabe gegeben und ich werden den sicher auch gern live spielen. Er erzeugt eine gute Stimmung. Er nimmt auch die Religionen auf den arm. Es ist wieder so eine Aufforderung: Chillt einfach mal! (lacht) Das Motto ist: Leute, ihr müsst einfach mal klarkommen und euch ein bisschen lieb haben. (lacht)

Tourist feat. Aglie 827 (prod. J-Beats)

Der Beat ist bestimmt schon zwei Jahre alt, ich hatte immer Bock auf den. Der war auch mal anderen Rappen hier aus Leipzig versprochen, aber man weiß ja wie das so ist. (lacht) Schlussendlich hab ich ihn mir dann geschnappt, damit aus dem Beat noch etwas wird. Sonst wäre er irgendwo in den Files von J-Beats Schatzkiste versunken. Ich hab die erste Strophe drauf geschrieben und war sehr glücklich, auch mit der Hook. Aber für die zweite Strophe hab ich nicht richtig was gefunden und gedacht, dass ein Feature auch noch ganz geil wäre. Ich hab dann einfach Aglie von der 8ZWO7-Crew gefragt, und er hat dann noch was drauf geschrieben. Es ist nicht nur das einzige Feature, sondern auch der einzige Track auf dem Album, der mit einem anderen Mic und nicht bei mir aufgenommen wurde. „Tourist“ haben wir bei Aglie aufgenommen, das war sehr witzig in seiner Hotbox zu Chillen. (lacht) Mit Aglie macht es immer Spaß, irgendwas zu unternehmen. Der Track ist zum Ende hin etwas ausgeartet, was aber nicht schlimm ist, denn er hat flow. Inhaltlich sind das alles wahre Geschichten… ich bin mal mit der Mitfahrgelegenheit nach Berlin gefahren, und der Typ fuhr halt nen Audi A7. Dann bin ich mit dem A7 am Fernbus vorbei gefahren und hab mir gedacht „Ok, geht klar“. (lacht) „Ich bin Tourist aus dieser Welt aus Zucker“ – ich profitiere von euch, aber ich mache nicht mit. Manchmal kann man sich das so geben.

Matrix (prod. Synthikat)

Ich glaube das war fast der erste Track, der für das Album entstanden ist. Der wäre beinahe noch auf das Vorgängeralbum „Satt und Nackt“ drauf gekommen. Der Beat kommt vom über-chilligen Synthikat, bei dem ich gerne abhänge und der immer was neues am Start hat. Er ist einfach mega kreativ. Zu dem Beat hab ich immer Lust, meine Arme nach vorn zu bewegen wie beim Joggen… (lacht) … er rollt einfach. Den ersten „Matrix“-Film habe ich geliebt, die Idee des Films hat mich schon immer geflasht. Als ich den Beat gehört habe wusste ich einfach, was ich machen muss. Es gibt ein paar Textstellen, die auch Bezug auf den Film haben. Ich hab den Film auf dem Track mit der heutigen Realität verknüpft.

Ego (prod. H Esslich)

„Ego“ ist in einer etwas schwierigeren Phase entstanden, in der ich sehr viel zu tun hatte und fast überhaupt keine Zeit für meine Freunde hatte. Wenn man sich den Track anhört, muss man eigentlich nicht mehr viel dazu sagen. Es geht einfach um anstrengende Zeiten, in denen man sich mal etwas abgrenzen muss und Zeit für seine eigenen Projekte braucht. Man kann dann nicht immer für andere da sein und hat nicht immer ein Ohr für Probleme – was aber nicht heißt „ich will nix von dir wissen“, sondern einfach, dass man selbst nicht genug Kraft hat, sich mit anderen Sachen als sich selbst zu beschäftigen. Das war eben so eine Zeit, und das wurde mir teilweise sehr übel genommen. Jetzt ist alles wieder gut, aber letztendlich dreht sich alles um Kommunikation. Man muss seine Stimmung kommunizieren, immer ehrlich zu seinen Freunden sein und reden. „Ego“ ist in diesem Sinn geschrieben, dass man erstmal seine Ruhe braucht – und wenn du das nicht verstehst, dann geh halt. Letztendlich geht es darum, dass man auf sich aufpassen muss – und dann kann man auch wieder mit genügend Energie für seine Freunde da sein.

„Pleite oder Reich?“ von Älmächtig ist ab sofort erhältlich und als Free-Download auf Bandcamp und als CD im Eigenvertrieb sowie vorübergehend im Spätverkauf Kiezkontor im Leipziger Osten verfügbar.

Cover & Tracklist zu "Pleite oder Reich?

Pleite oder Reich? - Älmächtig
Cover zu „Pleite oder Reich?“


Tracklist

  1. Rap-Kapitalist (prod. Menace0711)
  2. Manchmal schäme ich mich (prod. FabBeat)
  3. Alles aus Liebe (prod. J-Beats)
  4. A.C. (prod. Menace0711)
  5. Pleite oder Reich? (prod. dasd)
  6. Plan B I (prod. Jake Five)
  7. Plan B II (prod. Paul Watzlawik)
  8. Sie wollen scheinen (prod. H esslich)
  9. Was die Welt (prod. Paul Watzlawik)
  10. Tourist feat. Aglie 827 (prod. J-Beats)
  11. Matrix (prod. Synthikat)
  12. Ego (prod. H esslich)

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