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INSIDE TRACKS #8: Sen über sein Debütalbum „Lichtgestalt“

Die Rubrik INSIDE TRACKS erzählt Entstehungsgeschichten und Hintergründe von Musik. In Episode #8 spricht Sen über sein Debütalbum „Lichtgestalt“.

Intro

Das Intro vom „Wunderland“. Eigentlich gehört das Intro zum Song „Wunderland“. Mit seiner mysteriösen Art ist es der beste Einstieg in das Album. Im Video zu „Wunderland“ ist es ja auch bildlich dargestellt: Du stehst vor der letzten Tür und alles, was du bis dato gesehen hast, kannst du vergessen – denn jetzt kommt das Ultimative, was du dir vorher nicht vorstellen konntest. Egal, wer sich sein Wunderland wie gestaltet, ab jetzt ist alles auf Null gestellt.

Wunderland

Die Geschichte dazu ist, dass ich meine ganze Kindheit lang schon immer so einen Song über ein „Wunderland“ machen wollte. Es war also ein Kindheitstraum, den ich mir erfüllt habe. „Wunderland“ ist mein Lieblingssong auf dem Album. Ich hab schon immer frei gedacht und es in Trickfilmen gefeiert, wenn die dort machen konnten was sie wollen und alles so ist, wie es in deiner Fantasie ist. Wer hätte das nicht gerne? Deswegen hab ich versucht den Track so zu schreiben, dass sich jeder sein „Wunderland“ selbst aufbauen kann. „Stell dir vor es wäre so oder so…“, wie du es dir am Ende darstellst liegt allein an dir. Wenn du nur mit Crack und Nutten dasitzen und viel Money haben willst, dann ist das deine Sache. Es ist dein „Wunderland“.

Spiegel

Von einer bekannten Band gibt es ein Lied, das heißt „Der Mann am Fenster“. Darin zieht ein junger Kerl in eine Wohnung ein, wo ihn ein alter Mann von seinem Fenster aus immer beobachtet. Die Jahre vergehen, der alte Mann beobachtet das Geschehen draußen und irgendwann sieht der junge Kerl, dass ein Krankenwagen unten steht und der alte Mann gestorben ist. Nach ein paar Monaten ziehen ein paar junge Kerle in den Wohnung des alten Mannes ein und der Kerl vom Anfang beobachtet sie dabei. Dabei kriegt er dann mit, dass er jetzt der alte Mann am Fenster ist. Im Grunde ist es der normale Weg des Lebens, denn alles ist vergänglich und irgendwann bist du der alte Mann im Spiegel. Du schaust halt dein Leben lang in den Spiegel, aber du siehst nicht, dass du alt wirst. Du siehst es nur an solchen Sachen, dass deine Eltern krank werden, deine Kinder Charakterzüge von dir haben, deine Frau Fältchen bekommt oder du irgendwann einen alten Mann im Spiegel siehst. Das ist das Thema des Songs.

Laufen

„Laufen“ ist mehr so ein funny Track, der ein paar Sticheleien und etwas politisches hat. Die Grundmessage ist: Wenn du einen Stopp machst, kommst du nicht weiter im Leben. Du musst halt laufen. Egal wer Scheiße erzählt, du darfst dich davon nicht aufhalten lassen. Wenn von links oder rechts irgendjemand labert, bleib nicht stehen und hör ihm zu, sondern geh einfach deinen Weg und mach es so, wie du es für richtig hältst. Wenn du versuchst, irgendwelche Leute mitzuziehen, die eigentlich die ganze Zeit irgendwo stehen bleiben, dann bringt dir das nichts. Du musst laufen!

Zweiter Frühling

Wie der Titel schon sagt, geht es hier eher um die ältere Generation, zu der ich ja auch schon fast gehöre. Heutzutage gibt es in Beziehungen ja viele Trennungen einfach nur aus dem Grund, dass Viele sich noch nicht so fühlen, als ob das, was sie jetzt haben, einfach schon alles war. Der Anfang der Parts sagt es ja schon: Sie vermisst die Zeit, wie es damals war. Mit ihrer Mutterrolle kann sie zwar umgehen, aber sie kann sich nicht damit abfinden, dass das jetzt alles im Leben ist. Sie erinnert sich halt gern an die Zeit zurück, wo sie sich raus geschlichen hat oder Party gemacht hat – und will einfach gehen, um noch einmal einen „zweiten Frühling“ zu erleben.

Haus auf dem Mond

Das lustige ist, dass „Haus auf dem Mond“ direkt nach „Zweiter Frühling“ kommt – weil ich ja in dem Moment sage, „los, lass uns abhauen“. Manchmal geht es einem halt so, dass man sich am liebsten in den Flieger setzen und abhauen möchte. Das ist generell mein Problem (lacht). Deswegen erzähle ich davon auch so oft auf dem Album, und am liebsten würde ich auf mein Haus auf dem Mond flüchten. Du kannst das auch so sehen, dass die Frau aus „Zweiter Frühling“ von ihrer Familie abhaut, weil sie vielleicht jemanden Neues kennengelernt hat, der ihr bei „Haus auf dem Mond“ sagt, lass uns abhauen und nochmal neu beginnen.

Sen - Lichtgestalt
Cover zu „Lichtgestalt“ von Sen

Zimmer 229

Das Lied hat einen großen Hintergrund, aber da will ich nicht öffentlich drüber reden. Wer mich kennt, weiß wovon ich rede.

Le Gang

„Le Gang“ ist eine coole Story von einer Truppe Jungs, die Cash machen wollen und dafür Dope verkaufen. Der Track behandelt das Zwischenmenschliche der Gruppe. Wenn man seine Jungs hat und jemand bekommt Höhenflüge, dann kann es zu der Situation kommen, dass manche Leute auf bestimmte Sachen nicht klarkommen. Im Endeffekt spiegelt der Song wieder, dass Sachen wie Verrat dann wirklich passieren können. Und er erzählt auch von Parallelgesellschaften. Das Ende des Tracks ist wichtig, weil er die Sache nochmal auf den Punkt bringt: „Le Gang“ ist alles, aber „Le Gang“ kann dich auch zerstören.

Mavie

„Mavie“ – „Mein Leben“ – enthält viele politische Anspielungen. Dass wir aufpassen müssen wem wir vertrauen und dass du eigentlich dafür lebst, um arbeiten zu gehen. Ich bin halt mit diesem System nicht einverstanden, aber habe keine andere Wahl, so wie viele andere Menschen auch. Ich habe aber die Möglichkeit, das mit Musik auszusprechen. Vielleicht wachen ja Leute durch meine Musik aus ihrem Leben auf. Ich erzähle einfach aus meinem Leben. Francky sagt in der Hook, dass das Leben so ist wie es ist und man sich damit abfinden muss – aber dass man an gewissen Stellen darüber nachdenkt auszubrechen und nicht aufgeben soll. Am Ende sagt er, dass Familie im Leben das wichtigste ist. Im Grunde genommen kannst du zwar auf alles scheißen, nur nicht auf deine Familie.

Wind

Bei „Wind“ geht es um einen Mann, der rausgefunden hat, dass er krebskrank ist. Er will es aber für sich behalten, da er selbst erstmal damit klarkommen muss. Seine Frau denkt natürlich, dass er ihr etwas verheimlicht und sie streiten sich. Ich habe versucht, mich in seine Rolle und seine Gefühlswelt reinzuversetzen. Das kann ich natürlich nicht – aber ich stelle mir das so vor, dass du natürlich kämpfen willst, aber immer die Angst im Nacken hast, die dich nicht in Ruhe lässt. Es geht darum, den Willen zu haben und sich nicht aufzugeben. Ursprünglich hatten wir auch erst eine andere Hook. Generell weißt du ja nicht, was passiert nachdem du stirbst. Wir setzen uns als junge und gesunde Menschen auch nicht viel damit auseinander, aber Jemand, der krebskrank ist, muss sich damit auseinandersetzen. Ich persönlich beschäftige mich schon öfters mit dem Thema. Generell ist es bei vielen Sachen so: Erst wenn du kurz davor bist etwas zu verlieren oder es schon verloren hast, kriegst du mit, was es wert ist. Und beim Mann im Song ist es halt das Leben, wodurch er dann Sachen wie den Wind viel bewusster wahrnimmt.

Eine Stimme

Die Menschen sind getrennt durch Sachen wie Links und Rechts, Schwarz und Weiß und so weiter. Wenn das alles egal wäre und wir alle mehr zusammenhalten würden, könnten wir mehr erreichen oder verändern. „Eine Stimme“ lässt da bewusst viel Raum zur Interpretation, genau wie das Video. Man kann es so deuten, dass man gemeinsam etwas gegen das System erreichen könnte. Man kann es aber auch so deuten, dass man sich oft im Leben auf verschiedenen Seiten wiederfindet. Ich bin schon immer ein Typ, der einen Mittelweg geht uns sich nicht links oder rechts orientiert. Ich toleriere jeden Menschen. Im Endeffekt sind wir eine Stimme, aber wir bekriegen uns gegenseitig – egal ob auf der ganzen Welt oder hier in Leipzig. Anstatt einen friedlichen Zusammenhalt gibt es einen Hass gegeneinander, und das ist meiner Meinung nach Blödsinn.

Verlorener Brief

Der Track erzählt die Geschichten von zwei verschiedenen Menschen. Ich erzähle die Geschichte aus der Ich-Perspektive dieser verschiedenen Personen. Es geht darum, dass es für diese Menschen eine Person gibt, der sie gern etwas sagen würden, was aber immer ungesagt blieb. Das ist im Track der Brief, der niemals angekommen ist. Was ich mit diesem Song sagen will ist, dass man sich oftmals besser Luft macht und mit Leuten über Dinge offen spricht, als sie in sich rein zu fressen. Viele Menschen reden nur über andere, aber man sollte auch den Mut haben, mit dem Menschen selber zu reden. Es kann halt auch schwerer wiegen, wenn man es nicht macht.

Lichtgestalt

Ich hab zu der Zeit, als ich den Song geschrieben habe, grad auf dem Bau gearbeitet. Ich hatte schon immer den Wunsch nach einem Kind, das sag ich auch ganz offen. Jedenfalls haben meine Freundin und ich uns zu der Zeit entschlossen, dass wir ein Kind wollen. Die Umstände sind dafür natürlich nicht immer ganz einfach. Ich spreche im Song mit meinem ungeborenen Kind und erzähle ihm, wie ich mich auf ihn freue und wie ich mich fühlen werde, dass das Kind mein Alles sein wird. Im vergangenen Dezember bin ich dann auch wirklich Vater von einem gesunden Jungen geworden – und an ihn geht der Song. Für ihn ist das ganze Album. Deswegen ist er die „Lichtgestalt“. Eine „Lichtgestalt“ steht für mich am Ende des Weges, den du gehst, und wartet dort auf dich. Bei mir ist es zweideutig, denn es sind zwei Personen. Mein Kind ist mein Nonplusultra, denn wenn er da ist, ist meine Welt perfekt. So ist es, und das versuche ich in meinem Song darzustellen. Ich habe den Song geschrieben, als er noch nicht einmal unterwegs war und es ist Wahnsinn, wie etwas, das noch gar nicht da ist, das Leben so verändern kann. Ich hab früher auch viel Scheiße gemacht, aber mit diesem Ziel vor Augen habe ich mein Leben komplett umgekrempelt – und das nur mit dem Willen, dass er vielleicht irgendwann mal unterwegs sein wird. Das verrückte an der ganzen Sache ist: In der Produktionsphase des Albums, in dem es ja um meinen Sohn geht, war er noch nicht unterwegs. Er ist dann genau einen Tag vor dem Release des ersten Songs vom Album geboren – als ob er dabei sein will. Das hat richtig gut zusammen gepasst und er hat mir viel Glück für das Release mitgegeben.

Nirgendwo

Viele Leute schieben abfuck auf ihre Exfreundin, aber ich denke, jeder hat irgendwo auch gute Erinnerungen an seine vergangenen Beziehungen – vor allem, wenn es die erste große Liebe war oder so. Man träumt zusammen und wollte dies und das machen, aber es hat zu der Zeit dann einfach nicht geklappt, weil man wahrscheinlich zu jung war. In dem Song bereue ich einfach nicht, sondern sage „Ok, ich brauchte dich, damit ich heute bin wo ich bin“. Ich glaube sowieso auch an Karma und sowas, deswegen musste wahrscheinlich alles so sein und ich musste meine Erfahrungen machen – auch wenn sie vielleicht negativ waren. Vielleicht hat es ja geholfen, meinem Charakter zu entfalten. Das meint dieser Song.

Für immer bei mir

Da geht es um die zweite Lichtgestalt, die ich vorhin schon erwähnt habe. Das Album drückt eigentlich aus: Ein Mensch geht, ein Mensch kommt. Es geht hier um meine Oma, die wirklich bisher der wichtigste Mensch in meinem Leben war, mich von Grund auf verstanden hat – egal was ich für Scheiße gebaut habe oder Probleme hatte. Meine Eltern stehen natürlich auch immer hinter mir, das will ich gar nicht anzweifeln. Meine Freunde natürlich auch. Aber sie war wirklich meine beste Freundin, eine Mutter und alles zusammen. Der wichtigste Mensch. Sie ist dann gegangen, und es ist ein neuer wichtigster Mensch in mein Leben gekommen. Ich werd sie immer bei mir tragen und rede oft mit ihr. Egal ob ich stinkreich werde oder in der Gosse wohne – ich werd sie auf jeden Fall immer bei mir tragen. Ich beschreibe im Song den Moment, in dem sie im Sterben lag. Es kam ziemlich plötzlich bei ihr, sie war topfit und es kam alles sehr unverhofft.

Peter Pan

Ich bin so ein Mensch, der nie erwachsen werden will. Deswegen mach ich keine Songs mit „Ich bin Street und verticke Gras“, sondern ich erzähle vom „Wunderland“. Weißt du, was ich meine? Ich mach halt das, worauf ich Bock hab. Ich bin zwar kein kleines Kind mehr, aber ich versuche das Kind in mir zu bewahren. Im Alltag hat man oft genug Stress, gerade jetzt als Vater. Ich versucht innerlich jung zu bleiben, und „Peter Pan“ drückt das aus. Wir haben früher Party gemacht und wollten nicht erwachsen sein, und jetzt werden wir erwachsen, obwohl wir uns früher geschworen haben, wir werden es nie sein.

Sen - Lichtgestalt - INSIDE TRACKS
Bild: Montage (Lisa Quandt / Our Life Music)

Pull Me Down

Ich bin ins Studio gekommen und Eddie Broke macht da immer mal undercover seine Sachen. Wenn man das Cubase aufmacht, hat man da manchmal drei neue Projekte rumliegen. Ich hör dann ab und zu mal rein und ich fand richtig nice, was er da gemacht hat – weil es so voll gar nicht seine Richtung war. Es war aber genau die Richtung, die wir mit dem Album gehen wollten, und die wir in den zweieinhalb Jahren Produktionszeit ausgearbeitet haben. Es geht hauptsächlich darum, dass man viele Leute kennenlernt, aber nur wenige von ihnen gute Freunde sind. Irgendwann verliert man sich aus den Augen, aber man denkt halt gern an die Freunde zurück – selbst wenn dabei Verrat eine Rolle spielt. Dann ist der Mensch für dich zwar gestorben, aber du hast trotzdem noch die guten Erinnerungen an ihn.

Outro

Das Outro ist der Ausgang aus dem Album, zurück in die Matrix. Die Reise durch das „Wunderland“ ist zu Ende. Geil ist auch der letzte Ton, mit dem alles verpufft. Vielleicht sollte man auch mal genauer hinhören, was da hinten passiert. Das wird noch ein großes Thema werden.

Das Album „Lichtgestalt“ ist im März 2016 über Our Life Music erschienen und kann bei iTunes oder Amazon (digital und CD) bestellt werden.

Cover & Tracklist zu "Lichtgestalt"

Sen - Lichtgestalt
Cover zu „Lichtgestalt“ von Sen


Tracklist

  1. Intro
  2. Wunderland (feat. Karen Gensow)
  3. Spiegel
  4. Laufen (feat. Panic Piano & Meloesque)
  5. Zweiter Frühling
  6. Haus auf dem Mond
  7. Zimmer 229
  8. Le Gang
  9. Mavie (feat. Francky)
  10. Wind (feat. Yetunde)
  11. Eine Stimme
  12. Verlorener Brief
  13. Lichtgestalt
  14. Nirgendwo (feat. Panic Piano)
  15. Für immer bei mir
  16. Peter Pan (feat. Vicky Leznub & Plas)
  17. Pull Me Down (feat. Eddie Broke)
  18. Outro


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