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Sendemast: „HipHop Journalismus ist tot seit dem Ende von MixeryRawDeluxe“ (Interview)

Pierre Sonality und The Finn gründeten Anfang der 2000er Jahre in Leipzig die Crew Sendemast. Während der Entstehung zum Untergrund-Klassiker „Kein HipHop Fame“ von Pierre formierten sich Ende der 2000er aus dem Sendemast-Umfeld die berüchtigten Funkverteidiger, die nur wenig später deutschlandweit als Realkeeper vor dem Herrn galten. Als Teil des Mobs veröffentlichten Sendemast 2012 mit „State of Flavour“ ihr erstes amtliches Crew-Album. Anfang 2016 präsentieren sie nun den Nachfolger „State of Flavour 2“.

Der gebürtige Magdeburger Pierre Sonality wohnt inzwischen in Hamburg und hat dort als Berufsmusiker seit 2015 sein eigenes Label Muther Manufaktur, während The Finn in Berlin wohnt. Das Sendemast-Album „State of Flavour 2“ ist nach „Spliffmeister“ von Mase die zweite Veröffentlichung auf dem neuen Label. Gründe gab es also genug, um sich mit den Jungs auf zwei, drei (oder auch mehr) alkoholische Getränke zu treffen und ein ausführliches Interview über den Stand der Dinge zu führen.

Musikalisches Erwachsenwerden, Leipzig als kreative Schule und HipHop Journalismus in Deutschland waren nur einige der Themen im Gespräch mit Pierre Sonality und The Finn – in dem sich sogar der sonst Interview-resistente Spliffmeister Mase zu Wort meldete.

 

Die Themen eurer Platte „State of Flavour 2“ reichen von den Dinosauriern bis zur High Society. Wie viel Darwin steckt in euren Texten?

Pierre Sonality: Alter! Das ist eine Wahnsinnsfrage. Du fragst uns eigentlich, wie viel Realität in den Texten steckt zwischen all den fiktiven Gerüsten, die sich im Laufe von Jahrzehnten und Jahrtausenden entwickelt haben. Das ist eine sehr gute Frage. (überlegt) In unseren Texten taucht der Jesusfisch auf, der eigentlich ein Quastenflosser ist und winkt. Das definitiv…

The Finn: Ich denke, dass bei uns sehr viel Darwin drin steckt, weil es nichts Abstraktes ist. Wir arbeiten natürlich mit Metaphern und Bildern, aber es ist nichts Abstraktes wie Party-Rap oder solche Sachen. Unsere Texte sind eine Reflektion vom Alltag und vom Mensch sein. Für mich ist es eine Art Ventil, Sachen zu reflektieren und durch einen kreativen Prozess fassbar zu machen, in welcher Form auch immer. Das kann Rap sein, aber auch Graffiti.

Pierre Sonality: Man kann mega lange überlegen, was man schlaues auf diese Frage antwortet. Der Darwin, der bei uns drin steckt, ist der gefühlte Realismus einer Situation, die man als Kunstfigur in jeder Weise beschreiben kann – aber nicht muss. Der Finn und Pierre Sonality sind Kunstfiguren. Von daher geben wir uns sowieso der Illusion der absoluten Kunstentfaltung hin. Allerdings versuchen wir innerhalb dieser Kunstfiguren zu reflektieren, woher wir eigentlich kommen – und woher der Kern der Kunstfiguren kommt. Da ist der Darwin: Dieser kalte Realismus, dass sich alles auf einem bestimmten Weg entwickelt hat- Wir haben uns entwickelt aus dem Umfeld, aus dem wir kommen.

Wir machen 60 Prozent Kunst, 40 Prozent Realtalk.
— Pierre Sonality

The Finn: Wir haben uns die Künstlernamen ja nicht gegeben, um bewusst Kunst zu machen. Es war eher ein Prozess, der darin gemündet ist zu sagen „Fuck, jetzt brauch ich nen Künstlernamen“…

Pierre Sonality: Wir machen 60 Prozent Kunst, 40 Prozent Realtalk. Die Frage ging nach dem Realtalk-Aspekt, und der ist absolut drin. Das ist das wichtigste in der Musik von Sendemast. Es gibt immer Abstufungen, bei Pierre Sonality wie bei Sendemast oder auch bei Mase. Wenn ich jetzt für Sendemast spreche, dann ist es immer eine Sache, wo wir eine gewisse Einfachheit in der Sprachlinie reinbringen.

The Finn: Wenn du es wieder auf das Graffiti ummünzen willst: Wenn das Grundgerüst nicht in Schwarz-Weiß funktioniert, dann funktioniert es auch nicht mit Farben und dem ganzen Bullshit drumherum. Das wichtigste ist immer die Basis.

Pierre Sonality: Wenn ich das komplett runterbrechen darf: Wenn der Darwin in dem Scheiß, den wir machen, nicht wäre, dann wäre unser Scheiß nur ein toter Hering. Aber so kommen wir raus, schnappen nach Luft und sind nicht ganz alleine an dem Strand.

The Finn: Es ist keine Utopie.

Pierre Sonality: Darwin ist unser Realtalk-Aspekt. Das wäre eigentlich eine gute Headline für das Interview: „Darwin ist unser Realtalk-Aspekt“.

Stimmt!

Pierre Sonality: Dürfte Mase, wenn er will, auch was im Interview sagen?

Mase: Nee, will ich nicht. Aber übersetz die Headline noch ins Lateinische, und dann funktioniert das. (Gelächter)

Im Vergleich zum ersten Teil hat „State of Flavour 2“ vielseitigere Flows und Hooks. Hat es neue Einflüsse gegeben oder hat sich euer künstlerischer Anspruch diesbezüglich weiterentwickelt?

Pierre Sonality: Beides. Sofort Beides. Es gibt gar keine andere Antwort als Beides.

The Finn: Das ist ja auch logisch. Das erste Album war 2012.

Pierre Sonality: Vielleicht könnte man sogar noch addieren: Wir haben mittlerweile bemerkt, dass es noch mehr Werkzeuge als den Faustkeil gibt. Beim ersten „State of Flavour“ haben wir die ganze Zeit nur draufgehauen, aber bei „State of Flavour 2“ haben wir gemerkt, dass meine Fähigkeiten als Produzent und die Art, wie wir uns die Zeit nehmen, um uns mit den Tracks auseinanderzusetzen, viel mehr zulassen als beim ersten Teil.

The Finn: Wir haben uns bei „State of Flavour 2“ auch viel mehr Zeit zum Schreiben genommen. Wir haben uns mehr Gedanken gemacht…

Pierre Sonality: …und uns mehr ausgetauscht. Der Austausch ist ein Wort, das unbedingt groß geschrieben werden muss. Wir haben in den Sessions viel mehr ganz einfach nachgefragt „Ey wie weit bist du grad? Was schreibst du?“. Beim ersten „State of Flavour“ hat jeder sein Ding geschrieben, wir haben aufgenommen und es war fett. Jetzt haben wir uns mehr aufeinander eingelassen. Und das ist ein ganz wichtiger Punkt bei dem Album, denn wir haben diesmal auf die Featurepolitik verzichtet und kein DJ Stylewarz, kein Mirko Maschine und kein Toni L. dabei. Wir haben gesagt: Wir machen das mit uns.

Sendemast - Interview - State of Flavour 2
Sendemast: Pierre Sonality (l.) und The Finn (r.) (Bild: Jim Gramming)

The Finn: „State of Flavour 1“ entstand auch in einer Zeit, in der sich die Funkverteidiger entwickelt haben und groß wurden. Das war einfach ein ganz anderer Moment. Jetzt haben wir halt überlegt: Wenn wir das zusammen machen wollen, dann lass uns das viel enger zusammen machen.

Pierre Sonality: Zusammen ist auch ein Wort, das groß geschrieben werden muss. Was will der andere damit sagen? Was kann derjenige, der sich Gedanken darüber macht, was der andere in einem Song sagt, dazu beitragen, den Song rund zu machen? Die Songs auf dem neuen Album sind alle absolut rund. Die MC-Styles und wie wir es machen, das ist absolut divers, wie es bei uns schon immer war. Aber wir kommen thematisch beide zu dem gleichen Punkt. Das ist „State of Flavour 2“: Zwei Freunde, die sich seit 14 Jahren vertrauen und zusammen das Bomben-Album machen – das das erste sogar noch übertrifft.

The Finn: Pierre lebt dieses Musik-Ding ja noch viel intensiver und viel konsequenter als ich. Ich bin ja in dem Sinn kein Musiker wie er, ich bin Rapper und schreibe meine Parts. Aber warum nochmal ein neues Album machen? Ich hab „State of Flavour 1“ gemacht und das war Boss für mich, Alter. Die Grundmotivation für „State of Flavour 2“ war, noch bewusster an die Musik ranzugehen.

Seid ihr auch offener gegenüber musikalischen Einflüssen geworden?

The Finn: Definitiv!

Pierre Sonality: Ey, Finn zeigt mir Swag-Rap-Shit und ich denk mir so „Was’n los?“. Aber ich feier es.

Ich bin ein Mann, ein erwachsener Mensch. Für mich ist es viel zu wenig, nur in diesem Rapper-Kontext stattzufinden.
— The Finn

The Finn: Das war bei uns aber schon immer so, dass wir nie nur auf dem HipHop Film waren. Ganz große Einflüsse für uns: Ton Steine Scherben, Rio Reiser, Tocotronic… ich höre vielleicht zu 30 Prozent Rap.

Pierre Sonality: Wir hören beide nicht aktiv Rap.

The Finn: Definitiv.

Pierre Sonality:
Für das zweite Album haben wir uns jetzt in der Comfort Zone getroffen. Oder?

The Finn: Auf jeden! (Beide geben sich ein High Five)

Würdet ihr sagen, „State of Flavour 2“ hat zumindest streckenweise einen melancholische Ader, die der erste Teil nicht hatte?

Pierre Sonality: Ja, viel mehr sogar. Wir trauen uns inzwischen viel mehr das zu sagen, was wir eigentlich sagen wollen.

The Finn: Das ist ja auch ein Prozess…

Pierre Sonality: Du kapierst uns tatsächlich voll mit deinen Fragen, Alter. Das sind bessere Fragen, als wir von sogenannten „etablierten Rapmedien“ bekommen hätten…

The Finn: Melancholischer sind wir auf jeden Fall, weil wir ja auch erwachsener geworden sind. Wir sind ja auch keine 20 mehr.

Pierre Sonality: Wir sind keine Cloud Rapper.

The Finn: Es ist auf jeden Fall eine bewusstere Sache. Und wenn man erwachsener ist, passiert ja auch viel mehr. Was ist denn die Grundmotivation, einen Rapsong zu schreiben oder sich als Rapper darzustellen? Ich bin ja ein Mann, ein erwachsener Mensch. Für mich ist es viel zu wenig, nur in diesem Rapper-Kontext stattzufinden. Melancholischer ist es, weil man viel mehr Lebenserfahrung in die Musik reinpacken kann und sich das jetzt auch traut. Und weil man jetzt auch das Handwerk dazu hat. Zum ersten „State of Flavour“ hätte ich das Handwerk nicht gehabt, so einen Song wie „Generation Hauptbahnhof“ oder „Fehlfarben“ zu machen. Jetzt bin ich aber in der Lage damit umzugehen und das in einer würdigen Art und Weise zu präsentieren.

Pierre Sonality: Bester Satz des Abends! (Gelächter) Das hast du wirklich sehr gut gesagt. Ich persönlich finde auch, dass Finn sich im Gegensatz zum ersten Teil und allen vorherigen Sachen auf „State of Flavour 2“ richtig krass entwickelt hat.

The Finn: Weil es bewusster ist.

Pierre Sonality: Es ist deine reflektierteste Art und Weise. Der Finn ist besser als je zuvor.

The Finn (Bild: Jim Gramming)
The Finn (Bild: Jim Gramming)

The Finn: Viele sagen ja, dass Rap eine Jugendsache ist, die im Alter nicht funktionieren kann. Das Problem ist, dass die Leute, die das im Alter machen, oft krass scheiße und peinlich wirken, weil sie nicht reflektiert sind. Ich würde es richtig feiern, wenn reflektierte erwachsene Menschen das auf ein Level bringen und sich dann auch so darstellen und so eine Art Musik machen. In den Staaten funktioniert das ja schon längst alles. Da gibt es einen Jay-Z, der ist fast 50 und muss nicht über Jugendprobleme rappen. Man wird erwachsen mit dem ganzen Scheiß, und das ist auch gut. Und das tut HipHop in Deutschland auch gut.

Pierre Sonality: Das, was du machst, tut HipHop in Deutschland gut? (lacht)

Pierre stellt heute die kritischen Fragen, oder? (Gelächter)

The Finn: Nicht das, was ich mache, aber allgemein das, dass Leute bewusster und reflektierter an die Sache rangehen. Schau doch mal die ganzen Jungs von Ende der 90er an, wie alt waren die denn damals, als die ihren großen Hype hatten? Die waren alle erst Anfang oder Mitte 20.

Pierre, du hast das Album komplett produziert. Was waren für dich die wichtigsten Sachen, die du in den letzten Jahren als Produzent gelernt hast?

Pierre Sonality: Zwei Worte: Korg Triton.

The Finn: Das ist das komische Keyboard, was du immer nimmst?

Pierre Sonality: Das ist kein komisches Keyboard, das ist das Keyboard, mit dem Pharrell Williams und The Clipse damals alles komplett produziert haben. Ich habe es zu Verfügung gestellt bekommen von meinem lieben Mitbewohner und guten Freund Jens Naumann, der gesagt hat „Ey du kannst damit umgehen, nimm es!“ Ich spiele mit dem Ding Basslines ein, ich spiele Synthies ein, ich spiele alles ein. Jedes scheiß Piano. Ich hab schon beim Mase-Album viel eingespielt. Auf dem Sendemast-Album sind 50 Prozent gesamplet, der Rest ist selbst eingespielt. Ich habe einfach Bock, eine Vision umzusetzen und zu sagen „Schaut mal, was haltet ihr davon?“ Für mich als Produzent war „State of Flavour 2“ auf jeden Fall eine Herausforderung: Kriegt man das Sendemast-Sample-Realrap-Ding gut neu umgesetzt? Das haben wir geschafft.

Pierre Sonality - Sendemast - Interview - State of Flavour 2
Pierre Sonality (Bild: Jim Gramming)

The Finn: Pierre war ja auch immer das musikalische Mastermind hinter der ganzen Sache, von den ersten Anfängen bis jetzt. Viele kritisieren uns wegen einer Boombap-Realkeeper-Lastigkeit. Aber das ist nur dieses Schubladendenken, das Leute einfach brauchen…

Pierre Sonality: An diesem Punkt sind wir ja schon lange nicht mehr. Aber alles das, womit wir diese These beweisen können, kommt erst. Wir haben ganz oft bei uns in Hamburg Abends im Studio irgendwelche Leute, mit denen wir hängen oder Party machen. Und wenn die das neue Zeug hören, das 2016 kommt – wie das Galv-Album, Mr. Chrizze, Die Kaszesten, mein Solo-Album – dann feiern die das. Wir haben so viel Zeug, das 2016 kommt, wo ich immer mehr angefangen habe, in die Tasten zu hauen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Leute sollten vielleicht einfach deinen privaten Facebook-Account ausfindig machen und mal hören, was du dort an neuer Musik postest…

Pierre Sonality: Alter, genau! (lacht)

The Finn: Wir müssen aber niemandem beweisen, dass wir auch anders können. Null! Es war schon immer ein Fluss, und wir machen was wir machen. Wir haben schon immer experimentiert. Pierre setzt sich einfach hin mit einer musikalischen Vision – und wir vertrauen ihm da alle. Ich lass mich komplett drauf ein.

Viele kritisieren uns wegen einer Boombap-Realkeeper-Lastigkeit. Aber das ist nur dieses Schubladendenken, das Leute einfach brauchen…
— The Finn

Pierre Sonality: Das ist auch das Einzige, was ich kann. Ich war vier Jahre Unteroffizier bei der scheiß Marine, Alter. Ich hab drei verschiedene Kunstschulen besucht und bin immer rausgeschmissen worden – weil ich immer Fragen gestellt habe, die keiner hören wollte. Alles das, was wir jetzt haben, und das, was von uns 2016 kommt, dafür haben wir jahrelang geschuftet. Eine Idee hatten wir immer hinter allem, aber wir konnten es nie umsetzen, wie wir es jetzt umsetzen.

The Finn: Das ist das, worüber wir vorhin schon mal gesprochen haben: Das Handwerk hat gefehlt und wir haben es uns vorher nicht getraut. Jetzt haben wir das Handwerk und trauen es uns.

Pierre Sonality: Mase und ich hatten diesen geilen Spliffmeister-Mase-Song „Rooiboshecke“ auf seinem Album „Spliffmeister“, mit der Talkbox in der Hook. Fast der komplette Beat war eingespielt. Mase hat mich gefragt, ob wir das wirklich so machen könne, und ich habe gesagt, wir können dann nach dem Song sehen, ob es cool ist. Die Leute, mit denen ich effektiv und viel zusammen arbeite, sind meine besten Freunde. Ich vertraue euch, und ihr vertraut mir. Und wenn ich sage, lass uns mal gucken, ob wir das so oder so machen können – dann machen wir das. Am Ende haben wir den Song im Kasten und können sagen: Es ist super geworden. Wir sind an einem Punkt, an dem wir das Handwerk haben und umsetzten können.

The Finn: Früher haben wir einfach gerappt. Auch weil wir rappen mussten.

Pierre Sonality: Wir hatten da ja auch nur eine gewisse Art von Beats. Wir haben damals das, was wir sagen wollten, auf den Pattern, die wir kannten, gerappt.

Mase (klinkt sich ein): Genau das ist der Punkt! Du hattest die Beats vorgegeben, du musstest damit arbeiten und warst davon geflasht. Heute sitzt du da und sagst „Ok, das Drumset ist cool aber das Sample kickt mich nicht“. Und dann hockt man sich zusammen hin und schraubt daran, bis das Ding rund ist.

The Finn: Das hat mich früher nie interessiert. Da war der Beat da und ich hab einfach gerappt.

Pierre Sonality: Mase hat recht.

Mase: Klar kannst du dich in den anderen reindenken, auch wenn man sich mal einen Monat nicht sieht. Aber es wird nicht das sein, was in der Phase des Zusammentreffens passiert. Heute trinkt man keinen Schnaps, morgen braucht man Tequila und übermorgen Rum. Du kannst es zwar alles in deiner Minibar parat stellen, aber du bastelst dann zusammen dran rum. Dann nimmst du halt noch einen O-Saft dazu oder einen Apfelsaft, und dann wird es halt ein guter Mix.

Pierre Sonality: Genau so ist es.

Habt ihr das Gefühl, dass die Wertschätzung für Musik in den letzten Jahren gesunken ist?

The Finn: Ich glaube, die Art Musik zu konsumieren hat sich auf jeden Fall krass gewandelt. Um uns herum passiert alles viel schneller und die Möglichkeiten sind ganz andere…

Pierre Sonality: Der Pool, in dem du fischst, wird einfach immer und immer größer.

The Finn: Ich persönlich glaube, dass der Anspruch an Musik sich auf jeden Fall gesenkt hat. Leute suchen weniger Tiefsinn in Musik. Es ist einfach zu einem Begleitmedium geworden: Es wird mehr konsumiert, immer schneller, höher, weiter. Kapitalismus eben. In der Szene passiert ja auch ganz viel. Das war vielleicht schon immer so im Popbusiness, aber ganz ehrlich: Wenn ich mir Pop aus den 80ern anhöre, dann hört sich das für mich immer noch wertiger an als Pop von heutzutage. Aber vielleicht ist das auch einfach eine subjektive Wahrnehmung.

Pierre Sonality - Sendemast - Interview - State of Flavour 2
Pierre Sonality live (Bild: RAP CIRCUS)

Pierre Sonality: Meine Meinung ist, dass der Musikpool viel größer geworden ist. Das ist einer Erscheinung des 21. Jahrhunderts: Du brauchst nur einen Internetanschluss und kannst dir dein Beatbau-Programm runterladen. Deine Sample-Library kannst du dir auch aus dem Internet herunterladen, und du kannst dir im Internet dein Mikrofon zum günstigen Kurs bestellen. Die Möglichkeiten, um sich selbst darzustellen, sind größer und sie lassen viel mehr Freiraum zu. Das heißt, die Dichte an Musikern ist höher geworden.

The Finn: Für dich als Konsument wird es schwerer, das zu filtern. Du musst heutzutage viel mehr Zeit investieren, um coole Sachen zu finden. Du bist von viel mehr Scheiße, aber auch von viel mehr Gutem umgeben.

Pierre Sonality: Du bist einfach länger zum Angeln draußen. Natürlich gibt es aber auch mehr geilen Shit, als es noch vor zehn Jahren gab.

Die Frage, die sich bei dieser Aussage stellt, ist: Gibt es dadurch auch mehr Toys? Finn spricht ja auf dem Intro zu eurer Platte auch von gescheiterten Toys, die nach nem Medienjob suchen…

The Finn: Klar gibt es mehr Toys.

Pierre Sonality: Viele Leute, die Medienjobs machen, sind gescheiterte Toys. Es gibt viele Leute, die mittlerweile in der Medienlandschaft in hohen Positionen sitzen, die gerne Artists gewesen wären.

The Finn: Genau. Die wären gerne Artists gewesen und haben dann ihre Nische für sich entdeckt, um auch stattzufinden weil sie extrovertiert sind und das Gefühl haben, sich darstellen zu müssen.

Das Schlimmste sind Leute, die schon seit Ewigkeiten HipHop hören und sagen, dass heute nur noch Scheiße rauskommt.
— The Finn

Pierre Sonality: Und nur, um solchen Leuten den Fickfinger zu zeigen, den sie sich gern in ihr Arschloch einführen können, dafür gibt es Sendemast.

The Finn: Grundsätzlich ist es natürlich so, dass es heutzutage viel einfacher ist sich selbst zu präsentieren – ohne dabei reflektiert zu sein. Das alles hat aber gleichzeitig eine viel größere Reichweite. Ich finde es krass anstrengend. Aber es gibt mehr geileren Scheiß.

Pierre Sonality: Es ist wirklich schwerer geworden auszusieben. Aber wenn du jetzt das Sieb in den Fluss hältst, kriegst du mehr Nuggets raus. Ich persönlich feiere zum Beispiel Young Hurn. Das ist ein absolutes Phänomen des 21. Jahrhunderts. Meiner Meinung nach ein Cro hoch zehn! Ich feiere das, dieses „Wir sind die Jugend and I don’t give a fuck“. Bei dem Punkt kommen wir runter auf die Diskussion, die damals zum Beispiel auch Falk Schacht geführt hat: Ist Cro eigentlich ein Produkt der Medienpräsentation 2.0, die kein Geld kostest? Da ging es damals um den „Easy“-Track. Du findest immer Perlen im Sand. Es ist einfach viel mehr Sediment, aber in dem Sediment setzt sich immer die gleiche Schnittmenge von Perlen ab. Du hast mehr Leute, die intelligent und fähig sind – aber du findest sie nicht so schnell.

The Finn: Das Schlimmste sind Leute, die schon seit Ewigkeiten HipHop hören und sagen, dass heute nur noch Scheiße rauskommt. Leute, die sich die ganze Zeit nur beschweren und so eine Opferhaltung einnehmen – aber keine Zeit investieren, um nach Sachen zu suchen. Genau das ist eine Opferhaltung, die ich zutiefst abscheulich finde. Leute, die alles über einen Kamm scheren, alles scheiße finden und sagen, heutzutage gibt es nur noch Bullshit. Falsch, heutzutage gibt es auch einfach mehr krass gutes Zeug.

Es gibt dann auch Momente, wo ihr als etablierte Künstler auf Leute trefft, die zu euch sagen, der Preis von 8 Euro für ein Tape ist zu viel. Gleichzeitig kommen auch Leute an, die auf euch als Profi-Musiker zugehen und kostenlose Beats haben wollen.

The Finn: Zum ersten Fall: Solche Leute gibt es ständig, und auf solche Leute geb ich nen Fick, Alter! Das sind Leute, die sich irgendwie Luft machen aus einer Position heraus, wo ihnen der Horizont für das Thema oder auch die Wertschätzung fehlt.

Pierre Sonality: Die Leute haben gar nicht die Berechtigung, uns nach sowas zu fragen.

The Finn: Null, die Horsts! Und das ist das Problem mit unserer schnelllebigen Zeit: Jeder hat auf einmal eine Plattform und kann seine Meinung kundtun. Und solche Leute posten dann sowas im Internet oder sprechen einen darauf an, aber sowas prallt an mir ab, das lassen wir gar nicht an uns ran. Solche Leute sind richtige Toys.

Pierre Sonality: Die haben nicht kapiert, warum wir das machen und warum wir versuchen, unsere Skills zu perfektionieren.

Sendemast - Interview - State of Flavour 2
Sendemast (Bild: Jim Gramming)

The Finn: Du beziehst dich ja auch auf einen Facebook-Post von so einem komischen Typen, der meinte 8 Euro für ein Tape sind viel. Daraufhin haben wir ja geantwortet, dass in dem Album drei Jahre Leben stecken. Wir nehmen uns die Zeit und machen Kunst. Und wenn jemand nicht 8 Euro zahlen will… selbst wenn es 20 Euro gekostet hätte, ich geb keinen Fick! Und wenn ich dafür 100 Euro verlange. Klar, er als Konsument hat die Möglichkeit zu sagen er kauft es oder er kauft es nicht. Aber er soll mir nicht mit so einer Scheiße kommen, von wegen es sei zu teuer. Bullshit! Das sind Leute, die holen sich eine Schachtel Zigaretten für 8 Euro, die holen sich Bier in irgendeinem teuren Schuppen, tanken ihr kack Auto voll…

Pierre Sonality: In dem Moment, in dem du das Auto volltankst, könntest du überlegen: „Ich könnte für fünf Euro weniger tanken und dafür noch die Jungs unterstützen in der Art, wie sie leben“. Ich habe alle möglichen Jobs ausprobiert, und kein Job war mein Job. Aber das, was ich jetzt mache, ist mein Job! Für mich persönlich kommt Beruf von Berufung, und ich fühle mich zu dem, was ich mache, berufen. Ich will kein Leben für Wochenende und Feiertage. Ich bin mir persönlich mehr wert. Das ist mein Beruf. Und das Produzieren ist die einzige Sache, die ich kann. Warum sollte ich mir diese Sache also nicht bezahlen lassen? Jeder der fragt, ob 8 Euro für unsere Musik gerechtfertigt sind, ist unsere Musik nicht wert. Der soll sofort unsere Musik wegschmeißen, Alter!

Ich will kein Leben für Wochenende und Feiertage. Ich bin mir persönlich mehr wert.
— Pierre Sonality

The Finn: Und wenn es nach mir ginge, dann hätte ich für das Tape 20 Euro verlangt und für das Album 60 Euro, weil da stecken drei Jahre meines Lebens drin. Das ist meine Kunst. Wenn es nach mir gegangen wäre: Ich verkaufe lieber 50 Platten für Leute, die es wertschätzen und dafür 50 Euro ausgeben.

Ist dann halt scheiße, dass dein Kumpel Pierre ein Label hat, oder?

The Finn: Ja. (lacht)

Pierre Sonality: Du bist ein guter Motherfucker! (Gelächter)

Was von eurer ersten Videosingle Vaporizer sehr schnell hängenbleibt, ist die Textzeile „Sendemast übt Szenenkritik“. Findet ihr, die Deutschrap-Szene verträgt Anfang 2016 weniger Kritik als zu Zeiten des ersten Sendemast-Albums?

Pierre Sonality: Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann, weil ich mich gefühlt nicht in dieser Szene bewege. Wahrscheinlich spreche ich damit für uns beide. Wir machen keine Musik, die nach Klickzahlen oder ähnlichen Maßstäben für die Szene relevant ist. Wir machen Musik für Liebhaber. Und für unser Umfeld. Die Szene können wir deswegen gar nicht beurteilen. Alles das, was wir machen, obliegt quasi unserer Ansicht von dem, was unsere Szene ist. Unsere Szene ist quasi das, was uns supportet und uns versteht. Und wenn das dieser Rahmen ist, über den wir reden, dann ist Sendemast absolute Kritik.

Wie seht ihr als Szenekritiker die Debatte um HipHop Journalismus in Deutschland?

Pierre Sonality: Der HipHop Journalismus ist tot seit dem Ende von MixeryRawDeluxe.

The Finn: Für mich ist jemand ein Journalist, der eine fundierte Ausbildung hat und der diesem Namen auch gerecht wird. Wenn ich das Wort Journalismus höre, habe ich einen gewissen Anspruch an Journalismus.

Pierre Sonality: Journalisten stellen richtige Fragen. Nicht wie viele Leute von den etablierten HipHop Medien.

The Finn: Ich geb mir nicht alles, was im deutschen HipHop Journalismus passiert. Ich sehe, dass da viel passiert – aber ob das Journalismus ist, das weiß ich nicht.

Aber wo ist der Fehler? Fehlt die Distanz?

The Finn: Nein, es fehlt der qualitative Anspruch an Journalismus. Jeder kann sich Journalist nennen, wenn er einen Blog oder eine Facebook-Seite hat und mit einem Aufnahmegerät auf eine Party rennt und Leute interviewt. Dadurch findet er statt und kann sich ausdrücken. Die Frage ist aber trotzdem: Ist er ein Journalist? Ich betrachte das ja nur anhand des Ergebnisses, was dabei am Ende rumkommt. Aber wenn ich Sachen lese, die sich HipHop Journalismus nennen, ist das zu 95 Prozent absoluter Bullshit und hat mit Journalismus nichts zu tun. Viel von dem, was in Deutschland als Journalismus funktioniert, ist einfach nur qualitativer Bullshit mit hoher Reichweite.

Journalisten stellen richtige Fragen. Nicht wie viele Leute von den etablierten HipHop Medien.
— Pierre Sonality

Pierre Sonality: Und jetzt sag ich dir mal ne ganz ehrliche Sache: Ich hatte eine Interviewanfrage für mein 2014er Album „Magdeburg“ von einem Rap Magazin. Welches ist total egal. Aber der Redakteur von dem Magazin hat zu mir gesagt: Es wäre toll, wenn du etwas für mich gucken lässt, denn ich könnte an genau dieser Stelle ein Interview mit Schwester Ewa machen. Das würde 100.000 Klicks bringen, aber dein Interview bringt nur 5.000 Klicks. Also erzähl besser was cooles! Das war genau dieser Punkt, wo ich mich von diesem HipHop-„Journalisten“ entfernt habe. Denn wenn es so läuft, dann brauchen wir auch nichts mehr zusammen machen.

The Finn: Das ist dann halt das Geschäftsmodell von diesem Typen. Aber so war es doch früher auch: Du hast irgendwelchen Musikmanagern 3.000 Euro in die Hand gedrückt, damit sie dich in einem HipHop Magazin platzieren. Ich hab einfach die Utopie verloren, den großen Magazinen ginge es um die Kultur. Das ist alles einfach nur ein Geschäft.

Anderes Thema: Im Herbst habt ihr bei einer Jam in Delitzsch einen Konzertabbruch erleben müssen und konntet deswegen nicht auftreten. Wie habt ihr das erlebt?

Pierre Sonality: Da antwortet Mase, der war da auch dabei.

Mase: „Hooligan-Exzesse auf der Tuning-Messe!“ Ich entschuldige mich für meine Lok-Kameraden, aber die waren interessiert daran ein Mase-Konzert zu sehen. Leider ist das mit den HipHop-Jugendlichen der örtlichen Kultur aufeinander getroffen. Würden alle mal miteinander reden, und nicht nur die Fäuste austauschen, könnte man auch ein Live-Konzert der Funkverteidiger in Delitzsch genießen… (Gelächter und Beifall)

Pierre Sonality: Wahnsinn! Das erste krasse Mase Statement! Schreib, Pierre und Finn sagen „Mase hat recht“, mit zwei Ausrufezeichen.

Wie viel bekommt ihr von der Leipziger Rap-Szene noch mit?

The Finn: Nicht mehr viel. Ich hab mitbekommen, dass es den OverDubClub gibt. Früher gab es nicht so viele Zugezogene, aber heute gibt es viele Leute von Außerhalb. Ich denke mal, weil der Lifestyle hier gut und günstig ist. Zum Beispiel dude26 macht seine Sachen, der ist super und bei dem waren ja auch schon AzudemSK oder Galv zu Besuch. Das tut der Stadt auch gut. Aber was der Puls der Zeit ist, da bin ich raus was Leipzig angeht.

Pierre Sonality: Wir sind nicht mehr die Cats on the Streets.

Aber welche aktiven Künstler aus Leipzig kriegt ihr mit, die ihr interessant findet?

The Finn: Ich kriege mit, dass dude26 jetzt in Leipzig wohnt…

Pierre Sonality: Omik K. ist auf jeden Fall immer stärker am Start…

The Finn:dann Big A, der im Zuge von Omik K. endlich an den Start kommt. Dann unsere Funkverteidiger-Basis mit Mase, Katharsis, Maulheld und Odd Job, die immer noch in Leipzig wohnen und ihr Ding machen. Und was man sonst so über das Internet mitbekommt, wie Aglie 827. Arvid Wünsch ist auch sehr umtriebig. Das ist für mich Leipzig, und hier passiert definitiv eine Menge.

Leipzig hat mir die Eier gegeben, das zu machen, was ich machen will – und wenn ich jetzt Sachen mache, denke ich darüber nach, wie es in Leipzig wirkt.
— Pierre Sonality

Pierre Sonality: Ein absoluter Melting-Pot. Früher war das anders, da gab es nur Morlockk Dilemma, der übertrieben dope war…

The Finn: Und alle hier wussten, das ist der krasseste Deutschlands – aber keiner sonst wusste davon.

Welche Gefühle und Erinnerungen verbindet ihr mit Leipzig?

Pierre Sonality: Definitiv die besten in meinem Leben. Als ich nach Leipzig gekommen bin, war es das erste Mal, dass ich Freunde wie Mase und Finn gefunden habe, die von Anfang an meine Homes waren. Mit denen hatte ich auch das erste Mal das Gefühl, dass wir arbeiten – im realsten Sinne, wie man arbeiten sehen kann, aber auch an sich selbst. In Leipzig habe ich HipHop das erste Mal angewandt gelebt und gefühlt. Ich hatte meine erste WG mit Mase in der Bornaischen Straße, und wir hatten auch viel Stress und Streit. Aber es war auch das erste Mal, dass wir gesagt haben „Wir hauen zusammen rein“. Innerhalb der ersten zwei Jahre ist das erste Underground-Album von Sendemast entstanden, und wir haben hier viele Jahre später die Funkverteidiger gegründet.

The Finn: Unseren ersten Song haben wir bei Morlockk Dilemma mit Mase aufgenommen…

Pierre Sonality: …damals noch bei ihm im Kinderzimmer!

The Finn: Dilemma der Boss, der hat gesagt „Ey ich hab ein Mikrofon – kommt rum, ihr könnt bei mir aufnehmen.“

Pierre Sonality: Und er wird uns hundertprozentig ausgelacht haben, während er uns aufgenommen hat. Aber er hat es sich nicht anmerken lassen, sondern gemerkt, dass da was zusammenwächst.

The Finn: Maulheld hing da damals auch rum bei ihm. Und Dilemma war ja schon damals auf einem Level, wo wir niemals hätten rankommen können. Die ganzen NOK-Tapes, alles Classics. Die waren uns um Längen voraus.

Pierre Sonality: Er hätte uns niemals aufnehmen müssen. Aber nachdem wir den Song gemacht haben, hat jeder den Song als MP3 für sich mit nach Hause genommen und wir haben gemerkt: Wir machen geilen HipHop.

The Finn: Morlockk Dilemma ist HipHop, definitiv. Er ist eine krass wichtige Persönlichkeit für Leipzig. Und auch für uns.

Sendemast - Interview - State of Flavour 2
Sendemast (Bild: Jim Gramming)

Pierre Sonality: Eines der ersten Treffen, was es jemals zwischen mir und Finn und Mase gab, die damals beide noch die OberKörperFrei-Crew waren und Partys veranstaltet haben… (Gelächter) … gab es, weil die Süd-Jungs aus Magdeburg, eine Graffiti-Crew vor dem Herren, damals zu uns gesagt haben, wir sollen mal nach Leipzig. Wir haben uns in Wolfen bei einem Freestyle-Battle getroffen, da waren auch noch Dilemma, Desert D und Lun dabei. Ich bin froh, Leute wie Mase und Finn in Leipzig kennengelernt zu haben. Mase hat gesagt er sucht eine WG und braucht einen Mitbewohner. Finn hat gesagt, wir machen ein Rap-Album zusammen. Dass ich nach Leipzig gekommen bin, war der Schritt, der mich künstlerisch aus meinem bürgerlichen Leben befreit hat. Leipzig hat mich befreit, gedanklich und künstlerisch. Und je länger ich in Leipzig war, umso mehr fähige Leute habe ich kennen gelernt. Leipzig war das allerbeste, was in meinem Leben passieren konnte. Punkt. Der Umzug nach Leipzig war wichtiger, als der später nach Hamburg. Leipzig hat mir die Eier gegeben, das zu machen, was ich machen will – und wenn ich jetzt Sachen mache, denke ich darüber nach, wie es in Leipzig wirkt. Das sagt einiges aus.

The Finn: Leipzig ist meine Heimat, ich bin in Leipzig-Ost groß geworden. Die Stadt ist die Basis von allem – ob das jetzt meine engsten Freunde sind oder ob das auf die Musik bezogen ist. Es ist einfach Heimat: Von den ganzen Leuten, die man über die Jahre kennengelernt hat, über die Szene an sich bis zum Conne Island, die ersten Konzerte, die ersten Karamell Posse Jams, Graffiti…

Wo genau bist du da im Leipziger Osten aufgewachsen? 

Leipzig-Ost ist definitiv ein anderer Flavour von Leipzig.
— The Finn

The Finn: Ich bin im Plattenbauviertel Leipzig-Paunsdorf groß geworden. So ein Plattenbauviertel ist eine Stadt in der Stadt, das können auch die Grünauer wie Morlockk Dilemma oder Pierre Sonality aus Magdeburg- Olvenstedt nachvollziehen. Solche Viertel wurden ja auch mit dem Ziel angelegt: Du kannst dort leben und musst nicht raus in die Stadt. Es gab früher auch so ein Corner in Leipzig an der Wiese, da haben immer die ganzen Leute gechillt – aber wir haben uns nie zugehörig gefühlt. Wir waren immer die von außen: Wir sind ins Conne Island gefahren und hatten keinen Kontakt zu der wirklichen Szene. Wir waren immer die aus Leipzig-Ost, mit Schönefeld haben wir ein bisschen connected, mit der Eisenbahnstraße natürlich und ganz wichtig Anger-Crottendorf, da hab ich auch mal eine Weile am S-Bahnhof gewohnt. Leipzig-Ost ist definitiv ein anderer Flavour von Leipzig, man fühlt sich immer so ein bisschen außen. Für mich waren die Leute aus der Südvorstadt und anderen Vierteln immer so schick, das waren halt Städter. Wir waren immer etwas außen vor und haben uns auch wohl gefühlt in dieser Rolle. Leipzig-Ost ist auf jeden Fall eine andere Welt, und das Gottseidank immer noch! Gerade Anger-Crottendorf, wenn du an der alten Fabrik und der Feuerwehrwache durch den Tunnel gehst, das ist eine andere Welt. Und früher war die bestimmt nochmal krasser. Wenn ich mir so die Sachen von Clemens Meyer anschaue….

Hast du „Als wir träumten“ von Clemens Meyer gelesen – diesen Roman, der in Anger-Crottendorf kurz nach der Wende spielt?

The Finn: Ja, hab ich gelesen. Wenn man aus Leipzig-Ost kommt, ist das eine sehr interessante Sache. Ich habe mit Slayer – ein Bomber, der früher ganz Leipzig mit Graffiti vollgehackt hat – viele Gespräche drüber geführt. Auch, weil er als Person in dem Buch vorkommt und zu Clemens Meyer eine sehr enge Beziehung hat. Das ist eine Generation Leipziger, die älter ist als ich – und sich mit denen zu unterhalten, wie Leipzig damals war, das ist nochmal eine komplett andere Welt und derbe interessant. Auch wenn man sich anschaut, was die SOC-Leute damals in Sachen Graffiti in Leipzig gemacht haben – das muss geil gewesen sein. Wenn man damals 18 oder 19 war, und dann bricht ein kompletter Staat zusammen… das ist HalliGalli, eine komplett neue Welt öffnet sich. Der Roman „Als wir träumten“ ist ein gutes Buch, gerade wenn man aus Leipzig-Ost kommt kann man sich mit den Geschichten identifizieren. Und wenn man noch persönlich Menschen kennt, die aus der Zeit kommen, ist das noch viel geiler. Der Film zum Buch ist aber ein krasser Verriss und kommerzieller Scheiß. Das hätte ein Meisterwerk wie „Trainspotting“ werden können, aber dafür wurden leider zu viele Kompromisse eingegangen.

Wie erlebt ihr die Stadt heute im Vergleich zu der Zeit, als ihr hier gewohnt habt?

Pierre Sonality: Als ich in Leipzig gewohnt habe, war meine Gegend die Südvorstadt bis zum Connewitzer Kreuz. Nach den knapp viereinhalb Jahren meiner Abwesenheit bin ich jedes Mal erschrockener, wenn ich zurück nach Leipzig komme. Es ist definitiv nicht mehr das Viertel, in dem ich musikalisch groß geworden bin. Es ist nicht mehr das Viertel, wo ich mit Finn gecornert habe. Es ist überrannt worden. Alles das, was der Duktus „Hypezig“ an Schlechtigkeiten in sich birgt, hat er auch umgesetzt.

The Finn: Die Stadt hat krass an Charakter verloren. Wenn du in der Innenstadt unterwegs bist, könntest du auch in Düsseldorf oder Dortmund sein…

Pierre Sonality: Du kannst auch in den Leipziger Szene-Meilen sein, und es ist dort auch nicht anders als in Düsseldorf oder Dortmund.

The Finn: Grundsätzlich fühlt sich Leipzig für mich nicht mehr an, wie das Leipzig, was für mich mein Leipzig ist.

Sendemast - State of Flavour 2
Cover: „State of Flavour 2“ von Sendemast

Das Sendemast-Album „State of Flavour 2“ ist ab dem 22. Januar 2016 auf Vinyl, CD und Tape sowie digital erhältlich und kann unter anderem bei HHV, iTunes und Amazon bestellt werden.

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