FeaturesInside TracksMusikNews

INSIDE TRACKS #7: Sendemast über „State of Flavour 2“

Die Rubrik INSIDE TRACKS erzählt Entstehungsgeschichten und Hintergründe von Musik. In Episode #7 sprechen Pierre Sonality und The Finn über ihr Sendemast-Album „State of Flavour 2“.

Bozzklikk

Pierre Sonality: Bis kurz vor dem Mastering hatten wir das Intro „Bozzklikk“ auf einem anderen Beat, der komplett im Sendemast-Style war. Das war ein Bozz-Beat! Dann ist mir der Rechner abgestürzt und das einzige Projekt, das wir nicht mehr öffnen konnten, war genau dieser Beat von dem Intro. Alles andere auf dem Rechner war noch da. Da haben wir uns gesagt: Wir kriegen den nicht mehr so hin und müssen was anderes probieren. Wir hatten vier, fünf Versuche, aber keiner ist an das Original rangekommen. Dann saßen wir an einem Abend zusammen im Studio an den letzten Tracks für die Platte und ich hab im Suff aus Spaß ein 80er-Sample geflippt. Irgendwie fanden wir das beide interessant und geil. Wir haben das noch ein paar anderen Leuten gezeigt und alle meinten, das ist auf jeden Fall poppiger Shit. Das geht gut rein.

The Finn: Das ist halt auch Classic HipHop so, Alter. Der kommt halt schön ein bisschen back to New York.

Pierre Sonality: Und dann haben wir gesagt, wir benutzen den so. Es ist eigentlich der letzte Beat, der auf das Album gekommen ist. Wir haben den Track in letzter Sekunde noch einmal geändert.

Vaporizer

The Finn: Da haben wir ein bisschen experimentiert. Mit Rock-Gitarren haben wir vorher auch noch nicht so viel gemacht. „Vaporizer“ ist ein krasser Song, ich feiere den auf jeden Fall ab. Der kommt so ein bisschen Rick James mäßig rüber. Wir haben dazu ein aufwändiges Video gedreht – vielleicht das aufwändigste, was wir je gemacht haben.

Pierre Sonality: Der Song heißt nur Vaporizer, weil DJ Lukutz sich einen Vaporizer gekauft hat…

The Finn: …er hat sich einen Vaporizer organisiert und sich einen Abend damit high geraucht.

Pierre Sonality: Die Talkbox auf dem Song haben wir selbst gemacht. Von meinen Talkbox-Skills her war „Vaporizer“ das einzige Wort, das irgendwie so klang wie ich es sagen wollte. Am Ende hat es aber gepasst, denn es ist geil geworden. Vom Inhalt her ist es ein Fick-Geben-Song: Es kommt eigentlich nur auf den Flow und den Flavour an. Das ist auch so ein Beat, auf den Redman und Method Man gepasst hätten.

The Finn: Es ist ein musikalischer Song. „Vaporizer“ ist mehr Musik als die üblichen Rumpelkammer-Beats-Sachen.

Pierre Sonality: Und als wir den Song hatten haben wir gemerkt: Der passt von der Ästhetik mega gut. „Vaporizer“ war eine Weile unser Lieblingssong vom Album.

Masel Tov

The Finn: Ein klassischer Sendemast Representer.

Pierre Sonality: Sendemast Shit. Mehr brauch man dazu gar nicht sagen. Das ist richtig classic Sendemast, wo wir herkommen.

The Finn: Haut rein, ist dreckig, hat Staub drauf. Wir lassen da einfach ein bisschen Wut ab.

Noblesse

Pierre Sonality: Oh, geiler Track Alter! (lacht) Damals beim ersten Sendemast-Album haben wir immer alles in einer Session gemacht. „Noblesse“ war hingegen einer von den wenigen Songs, wo wir in zwei oder drei Sessions gearbeitet haben. Es war eine der ersten Male, wo wir gesagt haben: Das und das ist cool an dem Song, aber irgendwie müssen wir da und
hier nochmal ran.

The Finn: Sonst machen wir das immer alles in einem Abwasch: Wir hängen im Studio, bauen den Beat oder haben den Beat da, und machen alles an einem Abend.

Pierre Sonality: „Noblesse“ war halt mal so eine Sache, wo wir anders rangegangen sind. Ich glaube wir haben zwei oder sogar drei Songs auf dem Album, wo wir in Sessions gearbeitet haben und beim nächsten Mal gesagt haben, jetzt machen wir das, kümmern uns darum und konstruieren den Song. „Noblesse“ ist einer unserer ersten wirklich konstruierten Songs – was aber nicht heißen soll, dass der Song zu viel Kalkül hat. Wir haben uns einfach mehr Zeit genommen.

The Finn: Ich finde, er hat schon ein bisschen Kalkül. Gerade deswegen, weil er zeigt, wie wir zu gewissen Sachen stehen.

Pierre Sonality:
Es ist halt ein inhaltlicher Song. Wir können uns ja darauf einigen, dass es ein Song ist, der vom Inhalt weiter ist als die Songs mit Inhalt beim ersten „State of Flavour“.

Sendemast - State of Flavour 2
Cover: „State of Flavour 2“ von Sendemast

Realtalk (feat. Fleur Earth)

The Finn: Das ist ein geiler Song, den feiere ich ab. Das war auch das erste Mal, dass wir eine Hook-Idee hatten, von der wir wussten, dass wir die nicht selbst umsetzen können.

Pierre Sonality: Ich hab noch probiert hierfür zu singen… wir haben dann gemerkt: Das ist nicht cool! Wir brauchten jemanden, der singen kann.

The Finn: Die Fleur macht ganz geilen Scheiß, gerade durch die abstrakte Art von Wortwahl. Wir dachten uns, lass ihr den Track geben und mal gucken was sie draus macht. Sie hat den Vibe echt gut eingefangen und die beiden Parts gut miteinander connected. Es ist einer meiner Lieblingssongs. Ich bin stolz auf den Song.

Pierre Sonality: „Realtalk“ ist auch einer der melodischsten Songs auf dem Album. Fleur hat da einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet.

The Finn: Sendemast ist ja schon immer sehr sportlich: Die Parts müssen sitzen, die Flows müssen stimmen, die Aussage muss stimmen und es muss fresh sein. Sendemast-Mucke geht nicht leicht ins Ohr, sondern es ist straight Rap. Mehr das Kopfnicker-Ding. Das checken auch nicht viele, sondern von zehn Leuten vielleicht drei Mann, die Liebe dafür haben und das verstehen wollen. „Realtalk“ ist ein ganz guter Zusammenschluss von zwei Welten: Unsere Parts und die eingängige Hook, die trotzdem sehr abstrakt ist.

Pierre Sonality: Die Wortwahl ist abstrakt, ich finde es cool wie sie das macht. Und wir haben ihr kein einziges Wort gesagt, was wir da gern in der Hook hätten. Sie kam selbst genau auf diesen Konsens, und das ist halt cool. Ich bin außerdem ein riesengroßer Fan von Ill Al Skratch. Der 94er bis 98er Shit, wo die super on point waren. Als Produzent ist „Realtalk“ auf jeden Fall meine Ill Al Skratch Umsetzung. Die sind ein großer Einfluss für mich.

S.O.F. Skit

The Finn: Der Skit ist von Nase.

Pierre Sonality: Den Beat hab ich in fünf Minuten gebaut, Nase hat in zehn Minuten die Cuts gemacht, das Ding war fertig. Ich hab es Finn geschickt, der hat gesagt Bozz!

The Finn: Weil es halt ein guter Übergang zum ersten „State of Flavour“ ist, mit den Vocal-Samples, die er da gecuttet hat. Das checkt auch jeder, der Liebe für den Scheiss hat. Das ist Rap!

Pierre Sonality: Der Skit macht halt nur Flavour, und mehr soll er auch nicht machen. Nicht mehr und nicht weniger.

Sendemast - Interview - State of Flavour 2
Sendemast (Bild: Jim Gramming)

Hennessy Down

The Finn: Ganz wichtiger Song auf der Platte…

Pierre Sonality: Mein Lieblingssong auf dem Album.

The Finn: „Hennessy Down“ ist halt so dieses Back-In-The-Days-Ding und nochmal Revue passieren lassen. Mittlerweile sind wir auch nicht mehr die Jüngsten und etwas älter geworden. Wir versuchen dieses Gefühl zu beschreiben, das man immer in sich trägt: Woher man kommt und wer man ist. Wir sind halt unterwegs… Pierre ist schon ewig unterwegs, er ist schon relativ zeitig aus seiner Heimatstadt weg…

Pierre Sonality: Ich bin schon lange unterwegs, meine Schuhe sind schon total durch.

The Finn: Wir sind beide krass viel unterwegs gewesen und der Song erzählt, woher wir kommen. „Hennessy Down“ ist ein derbe wichtiger Titel. Die Parts reflektieren die Jugendzeit und packen das in 16 Zeilen. Wenn ich den Track höre, kommen ganz viele Erinnerungen hoch. Das ist auf jeden Fall sehr persönlich.

Pierre Sonality: Es war einer der ersten Songs, die wir für das Album aufgenommen haben. Und er hat sich über die Zeit gehalten. Es ist, glaube ich, sogar der älteste Song, den wir auf das Album gepackt haben. Von fünf Songs, mit denen wir die Produktion für „State of Flavour 2“ angefangen haben, hat sich dieser eine gehalten.

The Finn: „Hennessy Down“ soll auch ein Sprachrohr sein für die Jungs von früher. Ich habe viel Feedback darauf bekommen, wo die Leute sagen, sie sind echt berührt von dem Scheiß und finden sich da wieder. Es ist vielleicht auch ein Stück weit ein Schlussstrich. Ich finde den Song perfekt, denn er sagt einfach alles.

Pierre Sonality: „Hennessy Down“ ist so ein Song, den ein Album in meinen Augen als Produzent braucht. Für mich ist das dieser Song. Deswegen auch das Video zum Track, das wir in unseren Heimatstädten Magdeburg und Leipzig gedreht haben und in dem wir unsere alten Freunde für den Dreh akquiriert haben, mit denen es Mitte/Ende der 1990er angefangen hat. Der Song ist echt wichtig. Es ist der „Emotioni 3000“ auf dem Album. (lacht)

Fehlfarben

Pierre Sonality: „Fehlfarben“ war eigentlich der größte Wackelkandidat auf dem Album. Wir haben da echt hin und her überlegt. Wir haben oft in Chats, in SMS oder über Skype drüber diskutiert, ob er mit drauf soll oder nicht. Wir sehen uns ja nicht mehr so oft, weswegen vorher viel über das Netz lief. Irgendwann haben wir den dann nochmal zusammen gehört… und am Ende dafür entschieden, weil er auch ein inhaltlich tieferer Track ist. Es ist ein ganz
ruhige Nummer – Im Gegensatz zu allen anderen Sendemast-Nummern bricht der ab.

The Finn: Er hat eine Aussage, aber ohne Fingerzeig. Und vom Soundkostüm zeigt er auch eine musikalische Entwicklung, vor allem im Vergleich zum ersten „State of Flavour“.

Pierre Sonality: Direkt nach „Hennessy Down“ war dann auch der einzige Platz, wo wir „Fehlfarben“ hätten hinpacken können.

End2End

The Finn: Wir sind ja tatsächlich noch aus einem HipHop-Kontext gekommen, wo wir HipHop noch mehr als Kultur gesehen haben anstatt nur als Rap. Da war Graffiti für uns beide auf jeden Fall ein ganz wichtiger Bestandteil. Ich habe halt auch nie gedacht, ich muss jetzt Rapper werden oder so. „End2End“ ist ein Song, wo viele persönliche Graffiti-Erfahrungen reinspielen und der Graffiti-Lifestyle gefeiert wird.

Pierre Sonality: Und natürlich die Attitüde dahinter.

The Finn:
Genau. Denn warum macht jemand Graffiti? Du kriegst nichts dafür, bekommst nur Ärger, zahlst Strafen, schlägst dir Nächte um die Ohren und bekommst halt nichts, außer einen engen Kreis um dich herum. Graffiti ist komplett das Gegenteil von dem, was heutzutage in der Öffentlichkeit als wichtig erscheint. Du machst das für dich, für deine Jungs und für das Gefühl. Und vielleicht aus Protest. Und der Song fasst das auf jeden Fall zusammen. Das hat sich über Jahre angestaut.

Pierre Sonality: Für den Beat von „End2End“ habe ich eine der ersten Tonaufnahmen der Welt verwendet. Mein Freund Falk Schacht hat mir damals ganz viele Soundfiles gegeben und gemeint, die könnte ich bestimmt gut zum Samplen brauchen. Das ist die Tonaufnahme einer Lokomotive von 1912, gemacht von Pierre Schaeffner. Die haben wir in die Drums mit eingebaut. Meiner Meinung nach ist „End2End“ der dreckigste Song von beiden „State of Flavour“ Alben. Der Song ist wütend und wichtig. Und ein absoluter Schnellschuss gewesen. Nach drei Stunden war der Text geschrieben und aufgenommen.

Chin Chin

The Finn: Saufsong. Beste! Wir trinken ja auch ganz gern mal einen – und das auch nicht wenig. (lacht)

Pierre Sonality: Dem ist nichts hinzuzufügen. Das ist einfach ein Saufsong, weil wir gern mal einen saufen. Das ist die absolute Live-Bombe, und jeder, der gern säuft, wird uns an dem Punkt verstehen. Wir werden alle Brüder sein, wenn die ganze Welt diesen Song hört! (lacht)

[wp_ad_camp_2]

Generation Hauptbahnhof (feat. Maulheld & Mase)

The Finn: Krasser Song. Und der letzte Song, den wir aufgenommen haben – bei Maulheld im Studio, zusammen mit Mase. Ein krass wichtiger Song, wie ich finde, der vom Soundbild auf jeden Fall ein bisschen anders ist als der Rest der Platte.

Pierre Sonality:
Bei dem Song ist auch alles selbst komponiert und eingespielt, alles mit dem Korg Triton. Es sind keine Samples zu finden. Als letzter Song auf dem Sendemast-Album bringt er eine neue Facette, und da wird es in Zukunft auch viel hingehen…

The Finn: Und auch von der Message her, mit diesem Außenseiter-Ding: Das war bei uns gefühlt schon immer so. Wenn du damals Rap gemacht hast, warst du halt der Außenseiter. Jetzt ist Rap Mainstream. Wenn ich jetzt nochmal 15 Jahre alt wäre, dann wüsste ich nicht, ob mich der ganze Bumms noch interessieren würde. Außenseiter meint keine Opferhaltung, sondern dieses bewusste „Ich bin dagegen“. Und warum bin ich das? Weil ich mich hinterfrage und reflektiert bin.

Pierre Sonality: Wir rappen ja auch über Leute, die es sich selber nicht aussuchen, Außenseiter zu sein. Eigentlich reden wir von denen, die ganz natürlich selektierte Außenseiter sind. Diese „Generation Hauptbahnhof“ meint ja auch Kids aus den Randbezirken. Oder auch Sachen, die wir selbst erlebt haben. Ich bin groß geworden im Nazi-Plattenbau in Magdeburg-Olvenstedt. Dieser Tunnelblick-Style, den wir im Text thematisieren, verdeutlicht, woher unser Scheiß kommt.

Das Sendemast-Album „State of Flavour 2“ erscheint über Muther Manufaktur und ist ab sofort auf Vinyl, CD und Tape sowie digital erhältlich. Bestellen könnt ihr „State of Flavour 2“ unter anderem bei HHV, iTunes und Amazon.

Cover & Tracklist zu "State of Flavour 2"

Sendemast - State of Flavour 2
Cover zu „State of Flavour 2“ von Sendemast


Tracklist

  1. Bozzklikk
  2. Vaporizer
  3. Masel Tov
  4. Noblesse
  5. Realtalk feat. Fleur Earth
  6. S.O.F. Skit
  7. Hennessy Down
  8. Fehlfarben
  9. End2End
  10. Chin Chin
  11. Generation Hauptbahnhof feat. Maulheld & Mase

Sendemast bei Facebook
Pierre Sonality bei Facebook
The Finn bei Facebook
Muther Manufaktur bei Facebook

Vorheriger Artikel

OMAD: Termin für zweites Battle Turnier steht fest

Nächster Artikel

"Kitschkrieg" EP von Trettmann ist da