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Stylus MC: „Es ist was am Kochen“ (Interview)

Hunger wird bei Stylus MC groß geschrieben. Rap muss den Kühlschrank füllen, selbst wenn das nur gerade so klappt. Wenn man viel investiert, soll auch etwas dabei herauskommen. Soweit die Theorie, und man möchte daran glauben. Stylus MC ist ein hungriger Rapper – und die machen ja bekanntlich die besten Alben. Ein Gespräch mit Stylus über HipHop, Hustle und seine Platte „Für das Spiel“.

Rap ist für dich eine ernste Sache, oder?

Stylus MC: Ja das kann man auf jeden Fall so sagen. Mein Leben richtet sich nach Rap, das hat auf jeden Fall einen hohen Stellenwert. Vom Aufstehen bis zum ins Bett gehen dreht sich immer irgendwas um Rap. Egal ob es das picken von Beats oder das Schreiben ist oder das Videos drehen für andere MCs. Es dreht sich alles um Rap. Das merkt man sicherlich auch in meiner Musik, die nicht sonderlich humorbeladen ist, sondern vielleicht schon bisschen ernster ist und Themen anspricht, die mich halt so beschäftigen. Rap hat definitiv einen hohen Stellenwert.

Zwischen den Zeilen hört man auf deinen Tracks raus, dass du alle vier Elemente von HipHop ausprobiert hast?

Stylus MC: Auf jeden Fall. Es gehört halt schon in die HipHop Schule mit rein, sich mal in allen Disziplinen auszuprobieren. Man kommt ja auch zwangsläufig mit allen Elementen in Verbindung, wenn man wirklich eintaucht. Ich war überall drin, außer bei Breakdance… ich bin halt unbeweglich wie Sau. (lacht) Eigentlich fing es mit dem DJ-Ding an: Ich hab die ersten Plattenspieler zu Weihnachten gekriegt und dann Platten von Udo Lindenberg gescratcht. Graffiti hab ich auch gemacht. Und irgendwann kam es halt dazu, dass man Beats hatte und was geschrieben hatte. Das hat sich dann gefestigt, weil man gemerkt hat, dass es das Element ist, das man am meisten verkörpern will und auch verkörpern kann. Ich finde es persönlich wichtig, dass man alle Elemente mitnimmt, um da reinzuwachsen.

Seit wann bist du dabei?

Stylus MC: Meine erste Berührung mit dem Texte schreiben war schon in der 6. Klasse. Da haben wir im Unterricht Raptexte hin und her geschrieben. Ich weiß noch ganz genau, dass wir schon vorher, in der fünften Klasse, im Schulunterricht das Thema HipHop hatten. Da sollten wir uns in Gruppen zusammen setzen und Texte schreiben, und bei mir ging das halt komischerweise extrem schnell. In der Zeit, wo die anderen noch nicht mal fünf Zeilen hatten, hatte ich halt gefühlt zwei Seiten voll. Da habe ich gemerkt, dass mich das Schreiben kickt. Im Endeffekt bin ich, seit ich 13 oder 14 war, da rein gewachsen. Jahrelang habe ich dann hauptsächlich gefreestylet. Die „Einspunktnull“-Platte von 2014 war dann der Startpunkt für mich, auch Musik herauszubringen.

Dein neues Album heißt „Für das Spiel“. Meinst du damit das klassische „Rapgame“-Ding, oder was ist dieses Spiel?

Stylus MC: Ja, amerikanische Rapper würden dazu „Game“ sagen. Man kann Rap schon als ein Spiel betrachten, in dem man etwas investiert und einfach guckt, wie weit es einen führt. Ich würde wirklich gern eine krasse Story zum Namen der Platte sagen, aber es ist einfach die Essenz davon, was ich von mir mit in Rap reingebe.

Stylus MC - Für das Spiel
Bild: RAP CIRCUS

Wie war der Anspruch an dein Vinyldebüt „Für das Spiel“ im Vergleich zu deiner „Einspunktnull EP“?

Stylus MC: Beim ersten Release hatte ich damals keine große Ansprüche. Der Anspruch bei „Für das Spiel“ war auf jeden Fall, zeitlose Tracks zu machen, die man auch irgendwann mal seinen Kindern zeigen kann. Das erste Release auf Vinyl muss grundsolide sein. Anspruch war auf jeden Fall auch, das Album ordentlich aufzunehmen, zu mixen und zu mastern.

Ist deine neue Platte persönlicher als dein letztes Release?

Stylus MC: Das würde ich schon sagen, ja. Das erste Projekt in 2014 war, wenn man es herunterbricht, eine schnelle Nummer. Jetzt ist es schon detaillierter. Das „Moment“-Ding, zu dem es auch ein Video gibt, ist ehrlich gesagt schon drei Jahre alt. Es hat aber an Aktualität nichts verloren. Es war keine bewusste Entscheidung, dass die neue Platte persönlicher ist und mehr Tiefe hat. Das hat sich beim Schreiben einfach ergeben, und das ist am Ende auch ganz gut so, denn wenn ich einen Rapper höre, dann will ich auch, dass ich etwas von dem Künstler erfahre: Wer ist er, wo kommt er her und was macht er so. Und ich denke schon, dass ich das mit „Für das Spiel“ liefern kann.

Du thematisierst auf dem Track „Moment“ unter anderem das Scheitern der Beziehung zu deinen Eltern und deiner Schwester. Wie ist der Kontakt zu deiner Familie?

Stylus MC: Das ist sehr persönlich, und ich lasse das einfach so mit dem Track stehen. Jeder kann es sich gern so anhören, und das ist ok. Mir ist es halt lieber, die Message über Tracks zu verbreiten und so Infos zu geben, als persönlich drüber zu reden.

Du thematisierst auf dem Track auch Depressionen. Wie ist der Bezug da?

Stylus MC: Depressionen verbindet man ja mit kalten und dunklen Phasen und dem Allein sein. Der Track „Moment“ entstand in einer Zeit, wo solche Momente halt sehr präsent für mich waren. Da beschäftigt man sich dann viel mit sich selbst und es verändert sich viel im eigenen Leben. Der Begriff beschreibt im Endeffekt eine Art Dunkelheit, die in diesem Moment auch niedergeschrieben werden muss. Das kann man wie die letzte Seite eines Buches sehen, das man dann zuschlagen und zur Seite stellen kann.

Auf „Moment“ sprichst du auch über den Kopfdoktor. Du schilderst auf der einen Seite die Behandlung durch den Psychologen, kritisierst aber auch die vorschnelle Medikation von seelischen Problemen mit Mitteln wie Ecitalopram. Was sind deine Erfahrungen mit dem Thema?

Stylus MC: Die Erfahrungen kamen eigentlich aus dem Freundeskreis. Ich bin mit Jungs unterwegs gewesen, die sowas durchmachen mussten. Ich sehe es auf jeden Fall als nicht gut an, wenn man sich irgendwelche Tabletten reinpumpt und dann hofft, dass alles besser wird. Das wird es natürlich nicht, denn man muss dafür viel an sich selbst arbeiten. Das Thema kann man auf jeden Fall kritisch sehen. Ich glaube nicht, dass die Probleme damit gelöst sind, wenn man sich irgendwas gibt, denn das ist kein Wunderpille. Aus den Erfahrungen des Freundeskreises habe ich das Thema halt übernommen und für mich selbst verarbeitet.

Ist Gras deiner Meinung nach ein besseres Medikament?

Stylus MC: Ja, Gras ist immer besser. (lacht) Und auf jeden Fall besser als Alkohol.

Lass uns zu einem anderen Thema und zurück zu deiner Platte kommen: Suge Knight oder Russel Simmons?

Stylus MC: Der bösere ist definitiv Suge Knight. Und da ich mich manchmal zu dem Bösen hingezogen fühle, würde ich jetzt einfach sagen Suge Knight. Auch wenn das die falsche Wahl ist.

Auf deiner Platte kommt das Schlagwort „Hustle“ sehr oft vor. Was ist dein Hustle?

Stylus MC: Hustle ist ein großes Ding. Ich glaube, die häufigsten Worte der Platte sind „Digger“, „Alter“ und „Hustle“. (lacht) Der Hustle ist allgegenwärtig. Es geht halt immer darum, irgendwie Geld zu haben, irgendwas zum Essen in seinem Kühlschrank zu haben und seine Miete zu bezahlen. „Hustle“ klingt so gangster, aber Hustle steht einfach für Alltag und sich durchzukämpfen. Ich persönlich verbinde mit dem Wort das tägliche kämpfen, und das ist ja auch die sinngemäße Übersetzung.

Was ist das verrückteste, was du jemals für Geld gemacht hast?

Stylus MC: Ich hab zum Glück nie irgendwas für Geld gemacht, wofür ich mich am Ende des Tages schämen würde. Das finde ich wichtig, dass man seinen Stolz nicht für Geld hergibt. Dann esse ich lieber erstmal nur Nudeln mit Tomatensoße, als mich dreckig zu fühlen.

Was bedeutet dir dein Viertel Gohlis? 

Stylus MC: Gohlis ist halt die Base, hier findet alles statt. Leider geht generell nicht so viel, was auch an der Mentalität des Viertels liegt. Da ist im Süden oder Westen von Leipzig mehr los. Aber ich wohne dort, ich gehe da jeden Tag zum Kiosk und hole mir mein Hacksteak, quatsche mit der Bedienung, hab dort meinen Park, meinen Supermarkt und meinen Zug und kann direkt wegfahren…

Und du bist mit deinem Dönermann perdu…

Stylus MC: Zum Dönermann geht es halt jeden Tag, meine Limo und meinen Döner holen, den ich viel zu oft esse. (lacht)

Wie sieht deine Herangehensweise beim Musik machen aus?

Stylus MC: Es ist auf jeden Fall immer so, dass der Beat erstmal steht. Den wähle ich nach Stimmung und Situation aus. Der Beat muss zur jeweiligen Emotion passen, und dann schreibt man einfach los. Das ist die Herangehensweise. Den Text schreibe ich nie zuerst – am Anfang ist immer der Beat. Und meistens schreibe ich direkt die Hook zuerst, weil die Hook halt der Aufhänger ist. Wenn du beim Schreiben vom Thema abweichst oder generell raus kommst, hast du immer die Hook, die dich wieder auffängt. Wenn du beim Schreiben einen Hänger hast, gibst du dir kurz die Hook – und wenn du die dann feierst, alles ist wieder gut.

Stylus MC - Für das Spiel
Bild: RAP CIRCUS

War es dir aus künstlerischer Sicht wichtig, englischsprachige Gastbeiträge auf deiner Platte zu haben?

Stylus MC: Wichtig nicht, das hat sich halt einfach so ergeben. Ich hatte ja auf der „Einspunktnull“-Platte schon ein Feature mit R.H.A.F.A. drauf, der spanisch spricht und was damals auch über drei Ecken kam. Das sind einfach Entwicklungen und Verbindungen, die nicht gezielt stattfinden, sondern über gefühlte fünf Ecken entstehen – aber dann auch einfach passen. Dann ist mir aber auch egal, welche Sprache der Künstler spricht. Cool ist es natürlich immer, wenn die Leute aus der Region kommen, damit man sich auch mal kennenlernen und einen Bezug zueinander haben kann. Das ist manchmal aber leider nicht möglich.

Du rappst, dass Rapmusik aus Leipzig City „oft ein Haufen Scheiße“ ist. Wen oder was meinst du damit konkret?

Stylus MC: (grinst) Ich will damit niemanden haten, denn ich finde es gerade gut, wie es in Leipzig ist. Die Szene wächst, und ich habe auch mit Leuten gesprochen die meinen, dass die Szene so stark wächst wie noch nie. Das ist echt ein gutes Gefühl. Manchmal ist es halt so, dass ein bisschen die Liebe fehlt und dass Leute auf Krampf professionelle Sachen rausbringen wollen, ohne zu investieren. Du musst aber immer investieren. Ich hab das gemerkt, du musst immer reingeben und dich opfern, damit etwas großes wachsen kann. Viele wollen halt auf den Zug aufspringen und nichts eigenes machen, und das ist es halt, was ich kritisiere.

Und anders herum? Wie siehst du die Leipziger Rap-Szene derzeit, im Herbst 2015?

Stylus MC: Gut auf jeden Fall, sehr gut. Ich habe vorhin mit BzumZ gequatscht, der jetzt übrigens auch bald seine neues Projekt raushaut. Wir haben festgestellt, dass die Szene echt bunt ist. Jeder hat seinen Stil, jede Ecke hat ihre Leute, und es sind viele Leute. Und das ist gut so. Ich hab ein gutes Gefühl, und es kommen auch gute Releases in der nächsten Zeit.

Im Studio und live bist du häufig im Duo mit Kritikal27 unterwegs. Wie lang kennt ihr euch und wie habt ihr euch kennengelernt?

Stylus MC: Wir kennen uns jetzt glaube ich so drei bis vier Jahre. Er ist Künstler und ich habe ihn kennengelernt, weil ich ein Bild von ihm haben wollte mit meinem Namen drauf. Er hat das dann auch für mich gemacht und so sind wir in Verbindung gekommen. Wir haben uns dann bei der Word!Cypher getroffen, die von DJ derbystarr mitorganisiert wird, und haben beschlossen mal was zusammen zu machen. So hat das dann seinen ganz normalen Lauf genommen und sich entwickelt – und das passt ganz gut. Wir ergänzen uns live, weil wir verschiedene Styles haben, womit wir die Variation hoch halten können. Wir verstehen uns super und das läuft auf jeden Fall. Die musikalische Zusammenarbeit ist im Endeffekt aus einer Freundschaft heraus entstanden. Und es ist immer die bessere Basis, wenn die Freundschaft entsteht und dann in die Musik hereingetragen wird, als anders herum.

Gibt es diese kleine Schachtel wirklich, von der du auf deinem Intro „YesYesYoShit“ sagst, in ihr hast du das Geld für dein Vinyldebüt über zwei Jahre lang angespart?

Stylus MC: Ja es gab wirklich so eine Schachtel, und die Schachtel gibt es auch immer noch. Die ist jetzt aber leider leer. (lacht) Es war halt echt ein Ziel für mich, die Vinyl zu machen. Das kostet Geld, und da muss man halt sparen. Und deswegen gab es dann eine Zeit, wo ich jedes Geld, das ich zusammenkratzen konnte, für irgendwelche Studiorecordings ausgegeben habe. Oder für Beats – ich bin da ehrlich, ich gebe auch Geld für Beats aus. Viele sind da halt so, dass sie sagen „ich würde kein Geld für einen Beat ausgeben“, aber im Endeffekt leben die Leute, von denen ich die Beats hole, davon. Die produzieren Beats und müssen davon ihre Miete bezahlen, müssen ihrem Hund etwas zu essen holen und sowas, und deswegen gebe ich denen auch gerne was. Am Ende kommt bei mir ja auch Geld rein durch die Platte. Deswegen ist das voll ok, und dafür muss man halt sparen. Das war auf jeden Fall eine harte Zeit mit viel Nudeln mit Tomatensoße und viel Brot mit irgendwelcher Billigbutter und so nem Scheiß.

Wenn du von Studiosrecordings sprichst, hast du die Platte offenbar nicht in einem Homestudio aufgenommen?

Stylus MC: Das war teils so und teils so. Grüße auf jeden Fall an Tobi aus den Lala Studios, dem ich schweißtreibende Nächte bereitet habe und der am Mix saß. Das ist definitiv ein guter Typ. Ja. Ansonsten ist das halt echt verschieden. Den Intro-Track „YesYesYoShit“ habe ich zu Hause aufgenommen, einfach weil ich ein gutes Mic da hatte. Aber generell liebe ich die Atmosphäre im Studio. Es läuft professionell, du brauchst dich um nichts kümmern, stehst bloß in der Booth und der Typ drückt auf Record und gibt dir Anweisungen. Du bist frei und kannst dich auf deine Musik konzentrieren, was zu Hause manchmal schwierig ist.

Abschließende Frage: Was dürfen wir in Zukunft von Stylus MC noch erwarten?

Stylus MC: Es ist auf jeden Fall was am Kochen. Ich weiß nicht, wie viel ich da verraten kann oder verraten will, aber es wird auf jeden Fall weitere Platten geben. Die Schachtel wird langsam wieder mit Erspartem gefüllt. Ich hörte, der Stylus macht eine EP. (lacht) In Bremen gibt es einen guten Produzenten, den Melodic, der grad an Beats für mich arbeitet und ich glaube, mit ihm werde ich was konkretes machen. Dann ist mit Kritikal27 ein gemeinsames Projekt geplant, es kommen viele Features und wir wollen mit Merlin Alexander in der Schweiz ein Video zum Track „Zielpunkt“ von meiner Platte drehen. Es geht also weiter. Konstant, bis wir das Game übernommen haben. (grinst) Alles für das Spiel!

Das Album „Für das Spiel“ von Stylus MC ist ab sofort als Standard-Vinyl (HHV, Bandcamp) und als Download bzw. als limitiertes T-Shirt inklusive Downloadcode bei Bandcamp. Eine streng limitierte, blau gesprenkelte Vinyl des Albums bekommt ihr außerdem in den Leipziger Plattenläden Musikhaus Kietz und Ohrakel Records in der Innenstadt sowie bei Bandcamp und bei Auftritten von Stylus MC.

Cover & Tracklist - "Für das Spiel"

Stylus - Für das Spiel (Cover)
Bild: Stylus (Cover)


Tracklist

  1. Yes Yes Yo Shit (Intro)
  2. Zielpunkt (feat. Merlin Alexander)
  3. Moment (feat. Zen-Zin)
  4. Gekommen um zu Bleiben
  5. Maschine (feat. Schattenparker, Fatboi & Orez Junk)
  6. Kettenreflex
  7. Das ist… (Skit)
  8. Was willst du tun (feat. Daroi)
  9. Wind (feat. Kritikal27)
  10. Für das Spiel
  11. Luxus (Remix)

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