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INSIDE TRACKS #4: Arvid Wünsch über Musikvideos

Die Rubrik INSIDE TRACKS erzählt Entstehungsgeschichten und Hintergründe von Musik. In Episode #4 teilt der Leipziger Videoproduzent Arvid Wünsch Erlebnisse, Hintergründe und Erinnerungen zur Entstehung ausgewählter Musikvideos aus seinem Portfolio.

Morlockk Dilemma – „Napalmregen“

Wir sind eine Weile rumgefahren, um die passenden Spots zu finden. Für mich war es eine einmalige Erfahrung und eine riesige Ehre, mit dem Leipziger Rapper schlechthin zu arbeiten. Morlockk Dilemma hat einen ureigenen Style kreiert und Leipzig in Sachen Rap irgendwie schon eine Identität gegeben hat. Er hat auch den Leipziger Geist der Jahre um 2000 auch sehr prägnant auf den Punkt gebracht hat. Sowohl beattechnisch als auch raptechnisch spielt er ganz vorne mit – und mal was für ihn machen zu können, war halt ein Traum für mich. Man kannte sich ja schon vom Hallo sagen und so, aber auch mal einen Tag mit ihm verbringen zu können und ihn ein bisschen besser kennenzulernen, das war gut. Er ist halt ein total entspannter Typ. Er macht ja nicht den Realtalk-Rap, sondern er lebt ja ganz klar eine Kunstperson aus. In seinem Fall ist das eine sehr morbide Phantasiegestalt. Das ist halt nicht seine private Persönlichkeit – er ist natürlich gar nicht so menschenverachtend, sondern sagt auch beim Dreh Sachen wie „Digga pass auf, dass du hier nicht vom Dach fällst“. Das sollte einen natürlich nicht überraschen, denn man sollte wissen, dass er nicht Patrick Bateman aus American Psycho ist und wirklich Leute absticht. Aber es war schön, ihn mal selbst so kennenzulernen.

Mase – „Spliffmeister“

Mase fühlt sich glaube ich wohl als Rapper, das ist sein Ding. Aber er sieht sich nicht so als Selbstdarsteller. Wenn es irgendwie möglich wäre, würde er glaube ich keine Fotos oder Videos machen. Nicht, weil er Fotografen nicht mag – wir haben einen super Draht und verstehen uns gut. Deswegen hatten wir uns vorher zwei, drei Mail getroffen und in Ruhe drüber gesprochen, wie wir das Video machen. Dann ist Pierre Sonality nach Leipzig gekommen, um den Videodreh zu begleiten und uns zusätzlich kreativen Input zu geben. Trotzdem hatten wie nie einen richtigen Plan und haben uns dann gedacht, gehen wir erstmal ins Freibad und schwimmen paar Runden. Auf einmal war Mase dann weg und wir hatten alle schon sorgen, dass aus dem Videodreh nichts wird. Letztendlich war es dann aber so: Mase stand eine Stunde am Pommesstand, an dem sich die Schlange nicht bewegt hat. (lacht) Dann haben wir gesagt: „Digga, so kann es nicht weitergehen – wir gehen jetzt zu dir und machen Currywurst!“ Das haben wir dann auch so gemacht. Pierre hatte dann später die Idee, dass wir für das Video einfach super lange Takes machen, so fast One-Take-mäßig. So haben wir gar nicht erst probiert, eine große Dramaturgie zu entwickeln oder hektische Bilder zu erzeugen. Das macht das Video letztendlich auch aus: Es besticht durch seine Ruhe. Wir haben interessanterweise viele Orte in Leipzig angefahren, zu denen ich auch persönlich einen Bezug hab – wie die Agra oder die Brücke zwischen Leipzig und Connewitz, über die ich als Kind jeden Tag zum Kindergarten musste. Das ist meine Brücke, und die Jungs wollten dort drehen. Das ist halt auch das Coole an dem, was ich mache: Man bekommt zu vielen Orten nochmal einen neuen Bezug. Insgesamt war es ein super schöner Dreh, und ich bin mit dem Ergebnis zufrieden.

Antilopen Gang – „Der goldene Presslufthammer“

Das war eine ganz spontane Nummer. Die Jungs haben zwei, drei Tage vor dem Dreh angerufen und meinten, sie hätten ein Video, aber sind nicht so ganz zufrieden. Dann haben sie mir das Video gezeigt. Es war einerseits super gut und hatte eine sehr schöne Handlungsebene, die sehr cineastisch daherkam. Die Performanceebene war aber dafür leider fast unbrauchbar. Die Jungs meinten dann, sie wollen nicht nur die Performanceebene neu machen, sondern von Grund auf ein neues Video drehen – und fragten, ob ich Bock hätte. Klar hatte ich Bock! (lacht) Für den Dreh habe ich dann Jimmi Vau mitgenommen, der mir dann viel assistiert hat. Ja… und dann haben wir mit einer Spraydose alle möglichen Dinge, die bei mir zuhause rumlagen, mit Gold überzogen. Ein Baseballschläger, eine alte Super-8-Kamera… und die Jungs meinten halt „Was, willst du jetzt wirklich die Kamera opfern?“ – und ich so „Ja klar!“ (lacht) Das ist halt auch die Sache: Für einen Videodreh musst du auch ein paar Federn lassen. Wenn es am Ende gute Bilder werden – warum nicht? Es war auf jeden Fall ein cooler Tag und die Jungs sind auch sehr sympathisch. Sie haben einen sehr angenehmen und sarkastischen Humor, was auch aus der Musik auch herauszuhören ist. Da kann man auch wieder sagen: Die sind wirklich weitgehend so, wie ihre Musik ist. Ich hoffe, da folgen noch ein paar Zusammenarbeiten. Das Feedback zum Video war auch klasse. Der Manager der Antilopen Gang, Patrick Orth, ist ja auch der Geschäftsführer von JKP, was das Label ist, auf dem die Jungs veröffentlichen. Orth ist auch der Jahrzehnte lange Manager der Toten Hosen, und ich glaube auch deren Entdecker. Von ihm zu hören, dass wir ein super Video gemacht haben, geht natürlich runter wie Öl. (grinst) Vor allem, wenn man an die Jobcenter-Angestellte zurück denkt, die einen beim Thema Selbstständigkeit als Videoproduzent belächelt hat und meinte: „Wollen Sie das wirklich machen?“ Das Lob von jemandem wie Patrick Orth ist dann natürlich eine doppelte Bestätigung.

8ZWO7 – „Gatekeeper“

Kontrolliertes Chaos. (lacht) Naja, so chaotisch war es eigentlich gar nicht. Die Jungs haben eine super Vorarbeit geleistet: Sie haben ein Kellergewölbe hergerichtet, Licht installiert… und ich musste dann eigentlich nur noch die Kamera draufhalten. Ich glaube, ich wollte das Chaos dann. Generell wollten wir ein gewisses Chaos im Bild erzeugen, sprich: Viel Dynamik. Es war ein ganz kleiner Raum mit vier, fünf Leuten drin, die alle irgendwas mit ihren Armen gemacht haben und mit irgendwelchen Schaufeln. (lacht) Dann ist natürlich auch das erste oder zweite Bier getrunken worden – es war auf jeden Fall ein lustiger Männerabend.

Aglie 827 – „Die Spitze des Eisbergs“

Der Dreh war kalt aber schön. Dafür sind wir nach Machern gefahren. Manche Leute fahren nach Berlin, um ein Video zu drehen – manche Leute nach Hamburg oder sogar New York. Wir fahren nach Machern, das ist auch mal ein interessanter Ansatz. Es war Ostersonntag – und es lag verblüffenderweise Schnee! Aber das hat natürlich super gepasst, weil der Song „Die Spitze des Eisbergs“ heißt. Wie viel Glück kann man haben? Da hat uns Petrus echt mal was gute getan. Es gibt halt eine kleine Anekdote: Irgendwo war so ein eisiger Bach, der aber nicht zugefroren war. Ich dachte mir: Jetzt sagst du mal dem Aglie, er soll da barfuß durchlaufen, um irgendwie einen einsamen Wanderer darzustellen. Er hatte erstmal Zweifel, aber hat dann die Zähne zusammengebissen, ist wirklich ein paar Meter durch den eisigen Bach gelaufen und hat sich dabei fast die Zehen abgefroren. Dann schaue ich mir später zuhause die Aufnahmen an und denke mir: So spektakulär ist es ja gar nicht – der Zuschauer sieht halt nicht, wie kalt das ist. Und deswegen sind die Szenen auch nicht im Video gelandet. Das nimmt er mir glaube ich heute noch übel. (lacht)

„Rembembel“ – Kurzfilm von Curry Fiasko, u.a. mit Fatoni, Katharsis

Oh das war anstrengend – aber interessant. „Rembembel“ war der erste Kurzfilm, für den ich die Kamera gemacht habe. Es war ein echt lustiges Drehbuch, und die Leute waren auch voll nett. Der Drehbuchautor hatte damals aber auch noch nicht so die Kurzfilm-Erfahrung. Deswegen hat er halt teilweise unmögliche Kameraführungen und Einstellungen verlangt, was es ziemlich anstrengend für mich gemacht hat. Man musste halt die ganze Zeit aufpassen, dass man bestimmte Sachen nicht im Bild hatte und letztendlich hat das alles viel länger gedauert, als ursprünglich geplant war. Am Ende ist es aber ein sehr witziger Kurzfilm geworden, und es war eine gute Erfahrung. Ich habe viel gelernt dadurch. Es haben sich beim Dreh auch ein paar Leute kennengelernt, die heute noch in Kontakt sind, was sowieso immer das Interessante an einem Projekt dieser Art ist. In der Folge zu diesem Dreh hab ich dann selbst auch einen Kurzfilm geschrieben, den ich vielleicht auch irgendwann mal verfilmen werde. Meine Idee ist, dafür auch Leipziger Musiker mit ins Boot zu holen, weil sich das vom Drehbuch aus anbietet.

Pierre Sonality – „Souveraen“

Das war genau in meiner Übergangszeit in die Selbstständigkeit. Das haben wir im Hörsaal meiner Fakultät gedreht – so voll Guerilla-mäßig. Da ist halt diese Verbindung: Ich war noch Student und habe schon dieses Video-Ding gemacht. Deutlicher kann man es nicht auf den Punkt bringen: Wir haben in der Uni ein Video gedreht, und das Video hat für mich persönlich auch ein Kapitel beendet, weil das Studium – damals hab ich BWL studiert – nicht das schönste Studium der Welt war. Und auch zwischenmenschlich gab es da so ein paar Sachen, die nicht toll waren. Dieses Video war für mich auch irgendwie ein bisschen Therapie. Und es war mein erstes Video mit Pierre Sonality, was natürlich einen ganz großen Einfluss auf alles Spätere gehabt und die Grundlage für Vieles gelegt hat.

Stylus MC – „Moment“

Super Tag. Wir sind ziemlich planlos losgezogen, aber es hat sich ganz viel einfach gefügt. Göttliche Fügung, wenn man so will. (lacht) „Moment“ ist ein großartiger Song! Es war mir eine große Ehre, dass ich das bebildern durfte.

dude26 – „Immerhin“

Das haben wir im Elbsandsteingebirge gedreht. War ein schöner Wandertag mit drei meiner Lieblingsleute: IAMPAUL, phaeb und dude26. Wir hatten eine gute Zeit.

Fatoni feat. Audio88 & Yassin – „Mutterficker von Track“

(lacht) Ich liebe den Song einfach. Ich liebe den Beat, ich liebe die schräge Hook von Yassin, ich liebe wie Yassin rumschreit und ich liebe die anderen Parts von Audio88 und Fatoni. Ich finde, es ist einfach ein warmer Song und ein warmes Video geworden. Ich mag es!

Zum ausführlichen Interview mit Arvid Wünsch

Arvid Wünsch bei Youtube (hiphopkiosk)

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