BeliebtFeaturesInterviewLeipzigNews

Arvid Wünsch: „Es ist klar, wer der König von Leipzig ist“ (Interview)

Arvid Wünsch ist eine der interessantesten Personen hinter den Kulissen der Leipziger Hip-Hop-Bewegung. Seit über zehn Jahren ist der Connewitzer in der lokalen Szene eine feste Größe – heute steht sein Name für den wohl wichtigsten Musikvideo-Produzent der Stadt. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass aus seinem ambitionierten Onlineshop Mitte der 2000er ein kleines Video-Imperium wurde? Ein ausführliches Gespräch über Arbeitsmoral, die Entwicklung der Leipziger Szene, Verbindungen in den E-Sport und den Werdegang von Arvid Wünsch liefert Antworten.

Wie würdest du dich und deine Arbeit grundlegend selbst beschreiben?

Arvid Wünsch: Sehr essentielle Frage. Ich bin in erster Linie Rap-Fan. Das ist die Basis, von der bei mir grundlegend alles ausgeht. Und das ist mir auch wichtig, denn ich sehe mich nicht als der große Macher oder so. Das kommt bei mir als Zweites. Ich freue mich, durch meine Arbeit einen Blick hinter die Kulissen zu bekommen und die Leute, die etwas machen, kennenzulernen. Also: Wie entsteht ein Rapsong, was sind das für Leute – das interessiert mich halt. Mich interessiert immer der Mensch hinter der Musik. Wenn man einen Videodreh hat ist es dann immer cool, einen Tag mit jemandem zu verbringen und ihn dann in allen möglichen Situationen kennenzulernen – wie in stressigen Situationen oder in entspannten Situationen. Zu sehen, wie jemand reagiert, wenn etwas unerwartetes passiert. Gerade wenn man auf der Straße dreht, dann passieren immer die verrücktesten und skurrilsten Dinge: Irgendwelche Leute kommen auf einen zu und stellen Fragen, oder wollen dass man geht (lacht). Oft funktioniert erstmal irgendwas nicht, wie man es erwartet – und dann ist es interessant zu sehen, ob die Leute entspannt bleiben oder am Rad drehen, ob sie bescheiden sind oder überheblich sind. Passt das Bild, das sie über die Musik projizieren, zu dem, wie sie wirklich sind? Diese Fragen finde ich immer sehr spannend.

Wie siehst du da deine Aufgabe, dieses Bild einzufangen?

Arvid Wünsch: Meine Aufgabe ist es, dieses Bild realistisch darzustellen. Aber natürlich ist ein Musikvideo auch immer eine Idealisierung und sehr selektiv. Man probiert als Videomacher natürlich in der Regel, eine Person in einem guten Licht darzustellen. Da braucht man sich gar nichts vormachen. Das ist auch in jedem Dokumentarfilm so: Irgendwo greift der Editor immer ein. Es sei denn natürlich es geht darum, jemanden in seinem Elend darzustellen, wie zum Beispiel im Necro Musikvideo „I Need Drugs“, wo sein Onkel Howie explizit beim Fixen gezeigt wird. Da geht es dann nicht darum, ihn in einem guten Licht darzustellen, sondern darum ganz gekonnt mit Erwartungen zu brechen und gleichzeitig Klischees zu bedienen.

Würdest du sagen, deine Arbeit hat eine bestimmte visuelle Sprache?

Arvid Wünsch: Das ist ganz ehrlich gesagt eher ein Freestyle. Ich bin in Sachen Video eher der Freestyle-Rapper als der Konzept-Rapper. Wobei ich Konzepte sehr mag. Aber oft ist es einfach nicht möglich, mit einem Konzept zu arbeiten. Das ist dem Fakt geschuldet, dass ich mich in der Regel mit den Musikern treffe, wir uns vier bis fünf Stunden Zeit nehmen und probieren, das Beste daraus zu machen. Normalerweise ist auch gar nicht so viel vorbereitet, sondern die Arbeit besteht darin, was in diesen fünf Stunden passiert – abgesehen vom Schnitt. Einen Masterplan habe ich aber nicht. Ich habe das auch nicht gelernt oder studiert, sondern mir alles autodidaktisch angeeignet. Vielleicht ist diese Spontanität auch das Konzept.

Welche Rolle spielen Filme für dich persönlich und deine Arbeit?

Arvid Wünsch: Tatsächlich nicht so die große Rolle, muss ich ganz ehrlich zugeben. Ich glaube, da fehlt mir die Zeit dazu, auch wenn das vielleicht blöd klingt. Ich mache lieber was, als passiv mir etwas anzuschauen. Das ist ja auch eine Art Training oder Schule. Es gibt bestimmt viele Leute, die schauen sich den ganzen Tag irgendwelche Tutorials oder Filmklassiker an und analysieren die dann zu Tode, um sie dann in ihre Arbeit einfließen zu lassen. Aber ich glaube, wenn man sowas zu eng sieht, dann stößt man auch ganz schnell an seine Grenzen. Vor allem, wenn man nur vier oder fünf Stunden Zeit hat, dann kannst du nicht sagen „Wir probieren jetzt Szene A aus Film B darzustellen“, denn das geht am Ende nicht auf. Ich denke eher so: Mach aus dem, was du hast, das Beste was du kannst.

Arvid Wünsch - Interview
Bild: RAP CIRCUS

Du hast 2014 bei den Kollegen von It’s Yours im Interview verraten, dass du angefangen hast mit dem Filmen, als dein Bruder sich einen Camcorder organisiert hat und du ihn dir einfach geschnappt hast. Wie kam es dann später zu dem Entschluss, das Ganze auf professioneller Basis zu machen?

Arvid Wünsch: Eigentlich bin ich Sprachwissenschaftler. Ich war auch ganz glücklich mit dem Studium und das hat mir auch sehr viel Spaß gemacht. Parallel zum Studium habe ich das Filmen für mich entdeckt. Irgendwann war ich dann fertig und stand am Scheideweg, wo ich dann überlegen musste, ob ich noch meinen Doktor mache oder… ja, eigentlich gab es gar nichts anderes Konkretes, was ich hätte machen können, weil es für das Studium kein klares Berufsbild gab. Das Arbeitsamt hat mir dann irgendwelche Sachen vorgeschlagen, die ziemlich absurd waren und bei denen eigentlich auch ziemlich klar war, dass die Bewerbungen nicht erfolgreich sein werden. Auf meine Bewerbungen gab es dann auch wie erwartet nur Absagen. Dann gab es halt vom Jobcenter dieses Angebot, das sich Existenzgründerzuschuss nennt. Das hab ich dann wahrgenommen, denn die haben einem die Krankenversicherung und einen monatlichen Zuschuss gezahlt, und damit habe ich dann probiert, das Ganze auf professionelle Beine zu stellen. Am Ende hat es dann auch funktioniert.

Du hattest ja bereits ab 2004 mit dem Mailorder „HipHop Kiosk“ ein großes Projekt am laufen – das nicht nur seltene US-Releases in Deutschland verfügbar gemacht – sondern auch die lokale Szene mit Samplern und Veranstaltungen unterstützt hat. Trotzdem hast du das Projekt „HipHop Kiosk“ in der Form irgendwann an den Nagel gehängt. Wieso?

Arvid Wünsch: Der „HipHop Kiosk“ war zuerst ein Mailorder. Dann kamen die drei Sampler, was im Endeffekt auch überschaubar war. Dazu gab es dann die Konzertreihe, das waren so um die 15 Shows. Mit der Zeit sind dann die Videos immer mehr in den Vordergrund gerückt. Trotzdem ist das aber alles „HipHop Kiosk“, von damals bis heute, wo es der Youtube-Channel ist. Man kann also nicht sagen der „HipHop Kiosk“ existiert nicht mehr. Er hat sich halt nur verändert.

Aber der Mailorder und die Veranstaltungsreihe existieren nicht mehr…

Arvid Wünsch: Richtig. Aber sie waren wichtig für die Entwicklung. Ohne den Mailorder hätte es die Sampler nicht gegeben, ohne die Sampler hätte es die Release-Shows dazu nicht gegeben, aus denen sich dann die Konzertreihe ergeben hat, auf denen ich dann filmischen Aspekt für mich entdeckt habe. Es hängt also alles zusammen und kann wie eine Evolution gesehen werden. Ich kann nicht sagen „Schade, dass das Eine nicht mehr da ist.“ Denn es ist halt in etwas neuem aufgegangen. Generell kannst du halt nicht alles auf einmal machen und musst mit deiner Zeit haushalten. Ich sehe das manchmal bei Leuten, die super viele Talente oder Interessen haben: Wenn du ganz viele Sachen machst, dann kannst du keine von denen zur Perfektion bringen. Ich würde mich jetzt nicht als perfekt in dem bezeichnen, was ich mache. Aber würde ich noch nebenbei Beats bauen, den Mailorder betreiben und Jams veranstalten, dann müsste ich überall Abstriche machen. Deshalb finde ich es besser, sich auf eine Sache zu konzentrieren.

Im Endeffekt bist du ja trotzdem schon seit über zehn Jahren in der Leipziger Szene aktiv. Man könnte dich auch als Leipziger Hip-Hop-Experten bezeichnen.

Arvid Wünsch: (lacht) Ja, vielleicht schon.

Wie siehst du die Leipziger Rap-Szene aktuell?

Arvid Wünsch: Schlimm. (lacht) Nein Quatsch, alles gut. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich die ganze NOK-Phase damals (Die ehemalige Crew von Morlockk Dilemma, Anm. d. Redaktion) verpasst habe. Davon habe ich erst wirklich Notiz genommen, als Morlockk Dilemma mit seinen Solo-Projekten an den Start gekommen ist. Dann kamen die Funkverteidiger. Prinzipiell gab es immer ganz viele Leute in Leipzig, die ganz gute Sachen gemacht haben. Aber ich würde fast behaupten, dass Leipzig noch nie so eine angenehme Struktur hatte wie jetzt. Was ich damit meine ist, dass sich die ganzen Crews auch miteinander vernetzen und – das Gefühl habe ich – auch verstehen. Wir leben heute in der Facebook-Zeit, und dort sieht man das auch deutlich: Die Leute liken ihre Sachen gegenseitig, die Leute teilen ihre Sachen gegenseitig, geben sich gegenseitig Probs und ich glaube, das hätte es vor zehn Jahren nicht so gegeben. Das mag einerseits damit zu tun haben, dass die Leute offener geworden sind. Aber man kann vielleicht auch behaupten, dass die Musik auch einfach besser geworden ist. Die Probs sind also nicht nur einfach ein Freundschaftsdienst, sondern haben wirklich Hand und Fuß. Man pusht sich untereinander und versucht sich, auf einer freundschaftlichen Art und Weise, in einer Competition zu überbieten. Ich bin echt glücklich darüber, wie das in Leipzig grad alles läuft. Und es sind ja nicht nur die Musiker. Es gibt auch die Magazine wie Wasrap.de, Von der Couch in die Crowd bzw. It’s Yours, raputation.de und RAP CIRCUS natürlich. Dann gibt es ganz viele Jams und kleine Cyphers, das Conne Island, was über Jahrzehnte eine feste Institution in Sachen HipHop für Leipzig ist. Es gibt mittlerweile viele Tonstudios, Videomacher und Fotografen – von Stylus, der auch Videos macht wie ich, bis zu Toby vanRaw, der nicht nur DJ (DJ derbystarr, Anm. d. Redaktion), sondern auch Fotograf ist. Dann gibt es die 8ZWO7er, die das Komplettpaket vom Studio und Soundengineering über Rapper und DJ bis zur Videoproduktion selbst in der Hand haben. Und es gibt kleine Labels wie Daily Concept. Meine Theorie ist: Als es um NOK etwas ruhiger geworden ist, Morlockk Dilemma nach Berlin gezogen ist und die Funkverteidiger sich wieder über ganz Deutschland verteilt hatten, ist ein Vakuum entstanden, das Freiraum für andere Leute geschafft hat. Im ersten Moment hat man sicherlich gedacht „Schade, jetzt ist etwas zu Ende gegangen“. Aber das hat anderen Leuten die Möglichkeit gegeben, sich selbst zu produzieren, darzustellen und das Gefühl zu haben: „Jetzt sind wir dran“. Vielleicht liege ich auch falsch damit, aber für mich fühlt es sich so an. Ich will auch nicht sagen, dass es gut ist, dass Morlockk Dilemma und Pierre Sonality weggezogen sind. Auf gar keinen Fall. Aber so hat sich im Endeffekt die Möglichkeit für eine neue Ära ergeben.

Du bist nicht nur in der Leipziger HipHop Szene aktiv, sondern du bist natürlich auch Leipziger. Wie hast du Leipzigs Entwicklung in den letzten Jahren erlebt?

Arvid Wünsch: Das ist prinzipiell ein zweischneidiges Schwert. Viele sehen das Problem der Gentrifizierung ganz stark. Mir ist natürlich bewusst, dass es da Verdrängungsbewegungen gibt und Leute, die nicht genug Geld haben, aus Stadtteilen wegziehen müssen. Andererseits ist es natürlich auch ein Zeichen dafür, dass der ganze Lebensstandard in der Stadt gestiegen ist: Häuser werden saniert, was prinzipiell nichts schlechtes ist, und kulturell ist super viel los. Das wird dann natürlich in allen Lebensbereichen interessant. Ich kann das nicht nur negativ sehen. Klar, dieser Hypezig-Hype ist natürlich übertrieben und Leipzig wird niemals Berlin sein. Das soll es auch gar nicht werden. Aber ich finde die momentane Entwicklung auf jeden Fall spannend.

Arvid Wünsch - Interview
Bild: RAP CIRCUS

Du hast 2014 gemeinsam mit Curry Fiasko als Gegendarstellung zu einem reißerischen Pro7-Beitrag zur Leipziger Eisenbahnstraße die Kurzdoku „Rückseite Eisenbahnstraße“ gedreht. Habt ihr euch dazu genötigt gefühlt, oder wie kam das zustande?

Arvid Wünsch: Genötigt haben wir uns nicht gefühlt, denn der Beitrag war gar nicht der Anlass. Der Anlass war, dass Curry Fiasko in Leipzig zu Besuch war – er ist ja Leipziger, wohnt inzwischen aber in München. Er hatte eine neue Kamera dabei und hat mich gefragt ob ich Bock hab, mit ihm um die Häuser zu ziehen und irgendwas zu machen. Ich hab dann halt gemeint „Lass uns nicht irgendwas machen, sondern lass uns ganz konkret in die Eisenbahnstraße fahren, denn dort passiert in Sachen Streetfotografie gerade am meisten. Dann ist uns dieser „Taff“-Bericht eingefallen. Zudem hat die Eisenbahnstraße schon immer einen etwas schlechteren Ruf, und deshalb wollten wir probieren, eine andere Seite zu zeigen.

Die meisten Leser von RAP CIRCUS werden dich sicherlich durch deine Musikvideos kennen, aber du produzierst auch diverse andere Sachen. Wie groß ist der Anteil von Musikvideos im Vergleich zu Dokumentationen, Interviews, Werbespots oder Hochzeitsvideos?

Arvid Wünsch: Das kommt immer darauf an. Insgesamt betrachtet, also auf die letzten fünf Jahre gerechnet, sind die Musikvideos bei etwa 80 Prozent. Aber wenn man sich die letzten zwei Jahre anschaut, dann ist es vielleicht sogar 50/50. Tendentiell mache ich aber noch mehr Musikvideos, also vielleicht doch eher 60/40. Dazu muss ich sagen: Es sind vielleicht noch mehr Musikvideos, aber meinen Lebensunterhalt verdiene ich mit den 40 Prozent anderen Projekten. Natürlich bekomme ich für die Musikvideos eine Aufwandsentschädigung, was ich auch sehr zu schätzen weiß. In der freien Wirtschaft kannst du aber ganz andere Beträge veranschlagen. Aber klar: Das Herz steckt in den Musikvideos. Hochzeitsfilme und Imagefilme machen mir auch mega viel Spaß – und ich freu mich immer über solche Aufträge, weil man auch andere Sachen ausprobieren kann und es eine Abwechslung bringt. Andererseits ermöglichen mir diese Aufträge beispielsweise auch in Technik zu investieren, die dann wieder in den Musikvideos zum Einsatz kommt. Man kann also nicht sagen „Der macht jetzt seinen kommerziellen Scheiß und vergisst die Musikvideos.“ Im Gegenteil: Die Musiker profitieren auch davon.

Die anderen Aufträge geben dir quasi die Freiheit, weitere Musikvideos zu machen.

Arvid Wünsch: Ja das auch, ganz genau.

Du bist hervorragend in deiner Heimat Leipzig vernetzt, hast gute Kontakte in der deutschen Hip-Hop-Szene und Verbindungen in die Staaten, vor allem nach Chicago. Was kaum einer der Musik-Heads weiß: Du hast auch einen Fuß in der Tür zu einer völlig anderen Szene – dem E-Sport.

Arvid Wünsch: Stimmt!

Dein Bruder Dario ist ein Gamer mit weltweiter Reputation, eigenen Sponsoren und hatte sogar mal einen Fanclub für seinen Bart…

Arvid Wünsch: (lacht) Wirklich, ein Fanclub für den Bart?

Ja, das kannst du online nachlesen.

Arvid Wünsch: (lacht) Ok.

Wie erlebst du diese Welt des E-Sports?

Arvid Wünsch: Ich hab drei Brüder, die alle nicht mehr in Leipzig wohnen. Deswegen freue ich mich immer, wenn ich sie sehen kann. Wenn sich dann ein Shooting ergibt, wo ich Fotos für das Team von meinem Bruder Dario machen kann, ist es erstmal cool, Zeit mit ihm verbringen zu können. Es ist aber auch super interessant, denn E-Sport ist auch eine Subkultur, genau wie HipHop. Am Anfang hab ich die ganzen Slang-Begriffe – was bei uns „Wack“, „Toy“, „Brother“ oder „Chabo“ ist – gar nicht verstanden. Die haben halt auch ihre 200 Slang-Begriffe, die man erstmal entschlüsseln muss. Wenn wir dann beispielsweise zusammen beim Abendessen sitzen, sag ich dann „Ok, das war jetzt interessant euch eine Stunde zuzuhören, aber ich geh jetzt – weil ich euch einfach nicht verstehe.“ (lacht) Es ist halt eine ganz andere Welt. Die Rapper sind von Haus aus extrovertierte Menschen, die es gewohnt sind auf einer Bühne zu stehen, sich zu präsentieren und ein gewisses Selbstbewusstsein ausstrahlen zu müssen. Die E-Sporter sind halt tendentiell mehr introvertierte Menschen, die natürlich den Großteil des Tages vor dem Rechner verbringen. Dadurch ist es natürlich auch eine Herausforderung, die in Szene zu setzen.

Im letzten Jahr warst du mit deinem Bruder in Stockholm bei einem großen E-Sports-Turnier, bei dem er angetreten ist. Wie war dieses Erlebnis für dich?

Arvid Wünsch: Das Reisen an sich, was ich ja auch bei der Musik habe, finde ich super interessant und schön. Speziell dort war es halt ein sehr stressiges Ding. Es war halt etwas blöd, weil mein kleiner Bruder ziemlich früh verloren hat. Das gehört dort aber auch dazu: Die Leute verlieren halt regelmäßig, denn es kann nur einen Sieger geben. Dieses Verlieren ist für mich das faszinierende an der ganzen Sache. Verlieren ist Teil ihres Jobs. Wenn du von Beruf Maurer bist, dann ziehst du deine Mauer hoch bis sie fertig ist. Dann kommt aber keiner an mit einem Vorschlaghammer, haut die Mauer wieder ein und dein ganzer Tag ist im Arsch. (lacht) Ich glaube, daraus kann man sehr viel für sich ziehen. Ein Maurer hat ja trotzdem auch mal einen schlechten Tag, an dem er irgendwas verhaut oder die Mauer aus irgendeinem Grund doch einbricht. Ich hab halt auch manchmal Misserfolge. Aber dann denke ich mir: Andere Leute haben jeden zweiten Tag einen Misserfolg oder arbeiten einen ganzen Monat auf ein Turnier hin, legen dann nur einen zehnten Platz hin – und haben trotzdem die Motivation, weiterzumachen. Da gehört halt viel Charakterstärke dazu. Das über Jahre durchzuziehen ist auch nicht jedermanns Ding. Das hat schon was spirituelles, wie so ein Mandala: Du malst tagelang ein Bild aus Sand, und dann wird es vom Wind verweht und du fängst von vorn an.

Wie ist die Beziehung zu deinen drei Brüdern generell – und wie haben sie dich geprägt?

Arvid Wünsch: Die Beziehung ist super. Mein großer Bruder hat mir schon in der Schule immer viel geholfen und mich auch am Anfang meiner – sagen wir mal Karriere – unterstützt. Als ich mal in Chicago war, ist mir ein Rucksack mit Equipment weggekommen. Mein großer Bruder hatte noch meine Kontonummer, und plötzlich hatte ich ein paar Tage später ein paar hundert Euro von ihm auf meinem Konto – ohne, dass er irgendwas gesagt hätte. Er hat halt gemerkt, ich hab grad irgendwie Probleme, und mir einfach geholfen. Mein anderer Bruder hat mich immer bei technischen Fragen unterstützt. Von ihm habe ich mir am Anfang den Camcorder geliehen. Mein jüngster Bruder ist Dario, der mich in diese E-Sport-Welt eingeführt hat.

Insider-Frage: Lässt du dich lieber „The Big Big One“ oder „TSO“ nennen?

Arvid Wünsch: „TSO“ stand für „The Stupid One“, nicht wahr? (lacht) „TSO“ ist cool, dazu steh ich auch. Man braucht auch immer eine gewisse Selbstironie, das finde ich auch bei anderen Menschen am entspanntesten. Auch bei Rappern ist das so. Klar ist es Teil des Spiels, zu sagen dass du der Beste bist. Aber dann gibt es Leute, die es übertreiben – und sowas kann ich dann auch nicht ernst nehmen. Dafür feiere ich jemanden wie Aglie 827 zum Beispiel, der sich schon „Aglie“ wie Ugly nennt. Er ist halt super selbstkritisch, obwohl er super Sachen macht. Das finde ich sympathisch: Du musst halt wissen was du kannst und was du nicht kannst, und zu dem stehen was du kannst. Aber wenn ein Rapper ankommt und sagt: „Das hier hab ich super krass gemacht“ – dann denk ich mir „Lass mich doch entscheiden!“. Klar hoffe ich, dass du das super krass findest, was du machst. Ich würde es eine Frechheit finden, wenn du mir etwas zeigen würdest und nicht dahinter stehst – denn dann würde ich das Gefühl haben, du willst meine Zeit verschwenden. Jeder sollte von sich überzeugt sein – aber eine gewisse Bescheidenheit finde ich wichtig.

Zurück zum Thema Video: Mit wem würdest du gern mal zusammenarbeiten?

Arvid Wünsch: Vor ein paar Wochen konnte ich mir meinen Traum verwirklichen, mal mit Morlockk Dilemma zusammenzuarbeiten. Ich hatte mich neulich schon mal mit jemandem unterhalten, der mich wie du eben auch gefragt hat, wie ich die Leipziger HipHop Szene momentan sehe. Ich finde das momentan sehr angenehm. Auch weil ich das Gefühl hab, keiner rennt hier rum und sagt er sei der König von Leipzig oder sowas – weil es halt auch klar ist, wer der König von Leipzig ist. Die Frage stellt sich gar nicht und jeder weiß, dass das Morlockk Dilemma ist. Und das coole daran ist, dass auch Morlockk Dilemma nicht rumrennt und sagt er ist der König von Leipzig. Klar macht er auch Battlerap und probiert mit Metaphern zu zeigen, dass er der Beste ist. Er führt aber halt keine Interviews, wo er sich Kanye-West-mäßig produziert und meint „I am god“ oder so. Einen Traum von meiner Wunschliste konnte ich mir also schon erfüllen. Wer sonst noch drauf steht? Mit Fleur Earth würde ich gern mal arbeiten. Sie ist zwar vielleicht nicht die typische Rapperin, aber sie hat einen ganz klaren Hip-Hop/Rap-Bezug. Ein Produzent, der jetzt auch nicht der klassische Hip-Hop-Produzent ist, mit dem ich gern mal zusammenarbeiten würde, ist Robot Koch. Den finde ich auch cool. In den Staaten gibt es dann natürlich noch Millionen Rapper… (lacht) … aber das wäre jetzt quatsch, hier viele aufzuzählen. Ich hab in Deutschland aber auf jeden Fall auch schon mit vielen Leuten zusammengearbeitet, von denen ich mir gewünscht hatte mit ihnen mal etwas zu machen. (überlegt) Ach, Haftbefehl! Mit Hafti würde ich gern mal was machen. Haftbefehl, wenn du das ließt, ich komme nach Offenbach! (lacht) Er ist natürlich auch umstritten, aber Haftbefehl ist sicherlich ein Typ, der auch Humor hat. Darüber haben wir ja eben schon gesprochen. Ja, Haftbefehl… das wäre crazy…

Wie sieht ein idealer Videodreh für dich aus und was ist das Beste, was beim Dreh passieren kann?

Arvid Wünsch: Auf jeden Fall ist es wichtig, dass man eine gut Zeit zusammen verbringt. Es ist oft so, dass ich in irgendeine Stadt fahre zu jemandem, mit dem ich bisher nur geschrieben habe. Gerade im HipHop ist es so, dass man kein Eis brechen muss. Man spricht die selbe Sprache, man gehört der gleichen Subkultur an, versteht die Codes und hat sofort Themen, über die man sich unterhalten kann. Man kann sich über Millionen HipHop Geschichten unterhalten und hat sofort ein Gesprächsthema, und das ist halt das Schöne daran. Dazu kommt, dass man sich austauschen kann – beispielsweise darüber, was vielleicht ein bisschen anderes ist in anderen Städten oder so. Soviel zum Zwischenmenschlichen. Dann ist natürlich super, wann man abends im Zug mit einer Tasche voller Speicherkarten sitzt und das Gefühl hat, man hat ein paar schöne Bilder eingefangen. Das schönste Feedback ist am Ende, wenn der Künstler nach ein paar Woche anruft und fragt, ob man Bock hat nochmal was mit ihm zu machen. Das ist dann halt die größte Bestätigung.

Und was ist das Schlimmste, was bei einem Dreh passieren kann?

Arvid Wünsch: Natürlich erstmal das Gegenteil: Man versteht sich überhaupt nicht. Ich hab mich zwar nie mit einem Künstler gestritten beim Videodreh, aber ich hatte mal einen Dreh, da hab ich mich den ganzen Tag super unwohl mit den Leuten gefühlt. Die waren mir so unangenehm, und auch die Locations und das Musikalische waren furchtbar. Den Tag dann nochmal im Schnitt durchleben zu müssen, war sehr unangenehm. Die haben mich dann irgendwann nochmal angeschrieben, um nochmal was mit mir zu machen, aber da hab ich dann gar nicht reagiert. Das ist sonst so gar nicht meine Art, aber was willst du machen? Willst du den Leuten sagen, ihr seid mir unsympathisch? Da hatte ich, muss ich ganz ehrlich sagen, nicht den Arsch in der Hose um denen zu sagen, das es zwischenmenschlich nicht passt. (lacht) Ansonsten ist das Schlimmste, was passieren kann, technische Probleme oder verschwundenes Equipment. Natürlich ist es noch schlimmer, wenn Menschen sich verletzen. Der Benny von Herr von Grau hat sich beim Dreh eine Rippe gebrochen. Das is schlimmer als Technikprobleme. Aber die Technik sorgt auch für Ärger: Neulich ist mir halt eine Kamera kaputt gegangen, die hat einfach nicht mehr funktioniert. Da sind wir halt nochmal zu mir und haben eine neue Kamera geholt, das war zum Glück in der Nähe von Leipzig. Das ist halt das schlimmste, wenn die Kamera nicht geht – denn dann ist der Tag gelaufen. Deswegen: Immer zwei Kameras einstecken!

In Folge #4 unserer Rubrik INSIDE TRACKS spricht Arvid Wünsch über die Entstehung ausgewählter Musikvideos.

Arvid Wünsch - Interview
Bild: RAP CIRCUS

Arvid Wünsch bei Youtube (hiphopkiosk)

Vorheriger Artikel

Älmächtig: Neues Release noch 2015

Nächster Artikel

Bring The Noise #2 w/ Plusmacher, Arvid Wünsch...

1 Kommentar

  1. Rask
    24. Oktober 2015 at 12:15 — Antworten

    kuhler typ!

Lass ein Kommentar da

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *